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Kreis Wesel
Der Saftladen vom Niederrhein

Kreis Wesel: Der Saftladen vom Niederrhein
Ein Bild aus frühen Jahren. Die Familie legte bei Van Nahmen stets mit Hand an - und sei es beim Verkosten. FOTO: Van Nahmen
Kreis Wesel. Bei van Nahmen in Hamminkeln wird seit genau 100 Jahren Obstsaft produziert. Seit einigen Jahren ist das Unternehmen durch eine ungewöhnliche Idee des Familienunternehmens deutschlandweit bekannt: sortenreiner Apfelsaft. Von Sebastian Peters

Der Kosename klingt despektierlich, aber wenn der Chef selbst ihn für sein Unternehmen verwendet, dann darf man das als gutes Zeichen werten: "Mein kleiner Saftladen" nennt Peter van Nahmen seine Hamminkelner Obstkelterei, die an diesem Wochenende 100 Jahre alt wird, humorvoll. Die Entwicklung vom Saftladen zu einer echten Marke am Niederrhein ist die spannende Geschichte eines Familienunternehmens, das sich immer neu hat erfinden müssen - und auf dem Getränkemarkt mit hoher Innovationskraft aktuell für Aufsehen sorgt.

Jahrzehnte lang lieferten Landwirte aus der Region ihre Früchte im Ortskern von Hamminkeln ab, wo van Nahmen seinen Sitz hat. Das Geschäft lief, am Niederrhein kennt man die markanten Apfelsaftflaschen mit dem "VaNa"-Etikett. Generationen haben sich daraus eingeschenkt. Erst der aktuelle Chef Peter van Nahmen, jüngster Spross im Familienunternehmen, hatte aber die Idee, die den Markennamen van Nahmen deutschlandweit ins Gespräch brachte. Die Säfte aus Hamminkeln findet man mittlerweile auch in vielen deutschen Großstädten, bei Käfer in München, im KaDeWe in Berlin, sogar bei Harrods in London. Peter van Nahmen kam vor wenigen Jahren der Gedanke, die angelieferten Äpfel verschiedener Sorten nicht alle zusammen zu verwenden, sondern sie sortenrein zu Saft zu machen. Bei ihm kann man jetzt den Saft einer Roten Sternrenette kaufen, den eines Cox Orange, vom Purpurner Spartan und der Grauen französischen Renette.

Der Hof im Herzen Hamminkelns. FOTO: Van Nahmen

Das war der Durchbruch. Im 100. Jahr des Bestehens baut der 25-Mann-Betrieb van Nahmen kräftig aus. Ein eigener Hofladen mit Glasfront entsteht gerade, in eine neue Produktionslinie ist investiert worden. Bald entsteht eine Streuobstwiese mit Park und eigener Firmeneinfahrt neben dem jetzigen Betrieb. 60.000 Liter Saft können hier täglich produziert werden. Die Hauptproduktionszeit ist von September bis Ende Oktober. Peter van Nahmen nimmt Geld in die Hand, um das Unternehmen irgendwann seinen Kindern übergeben zu können.

Die Idee mit den sortenreinen Obstsäften ist in der Biografie Peter van Nahmens begründet. Nach dem Abitur 1990 begannen seine Wanderjahre: Nach dem BWL-Studium in Wien und Siegen arbeitete er für neun Jahre bei dem Weinhandel Schlumberger, ein Tochterunternehmen der Familie Underberg bei Bonn. Dort reifte der Gedanke, das Prinzip des Weinverkaufs auf den Obstsaft zu übertragen. "80 Prozent der Apfelsäfte werden in Deutschland als Konzentrat verkauft", sagt Peter van Nahmen, der 2005 an den Niederrhein zurückkam und das Geschäft zunächst mit seinem Vater in dritter und vierter Generation führte. Heute leitet er die Geschicke mit seiner Frau Sabine. "Wir mussten uns neu erfinden, der Zeit anpassen, eine Nische entdecken." Die Edelsäfte von van Nahmen werden seither in Bordeaux-Flaschen verkauft, auf dem Etikett sieht man den Säuregehalt ebenso wie den Oechslegrad und das Ernte-Jahr. "Das hat in Deutschland vorher kein anderer gemacht", sagt van Nahmen. Er hätte eine Geschäftsentscheidung fällen müssen: Das Segment Bio war bei den Säften besetzt durch Marken wie Völkl, das Segment Gesundheit durch Rabenhorst, das Thema Genuss sei noch nicht besetzt gewesen. Seitdem tüftelt der Unternehmer an der Marke. Die Motive für die Flaschenetiketten hat er etwa von alten Pomologie-Büchern.

Streuobstwiese. FOTO: Van Nahmen

Die Unternehmensgeschichte beginnt mit Rübenkraut. 1917 gründete der Urgroßvater Wilhelm van Nahmen mit dem Verkauf von Rübenkraut und Apfelkraut als "Rheinische Apfelkrautfabrik" in Hamminkeln. Das ist der Anlass, warum die van Nahmens in diesem Jahr groß feiern. Wenn man es genau nimmt, reicht die Geschichte sogar noch weiter zurück. Schon 1982 hatte nämlich der Ururgroßvater Heinrich van Nahmen, eine clevere Geschäftsidee: Er vermachte der Kirche ein Stück Land zum Bau eines katholischen Gotteshauses. Bedingung: Er würde daneben eine Gaststätte betreiben dürfen. Die Geschäftsidee funktionierte: Nach den nicht seltenen Gottesdiensten war die Gaststätte "Zum Apfelsaft" gut besucht, Heinrich van Nahmen erweiterte seine Gaststätte um einen Tante-Emma-Laden. "In den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben wir damals eine richtige Entscheidung getroffen", sagt Peter van Nahmen. Urgroßvater Wilhelm van Nahmen hatte dann 1917 die Rübenkrautidee, vertrieb den süßen Aufstrich in der Gastronomie und an Endverbraucher. Peter van Nahmen greift diese Idee im Jubiläumsjahr wieder auf: Zum Festwochenende hat er ein Apfelkraut und ein Rübenkraut produzieren lassen, dass an den Urgroßvater erinnert.

1930 begann van Nahmen mit der Produktion von Obstsäften als Lohnmosterei. In Kriegs- und Nachkriegszeiten wurden Rübenkraut und Saft zu Lebensmittel. Jahre des Aufbaus begannen, im Mittelpunkt stand die Produktion des Saftes mit dem "VaNa"-Etikett, das erst vor zehn Jahren zugunsten des Familiennamens wieder verschwand. "Van Nahmen" steht jetzt auf den Etiketten - zur Betonung des Charakters als Familienunternehmen.

Wiederaufbau nach dem Krieg. FOTO: Van Nahmen

Eine wegweisende Entscheidung fällte 1994 Rainer van Nahmen, Vater von Peter van Nahmen, der 1991 das Unternehmen übernahm: Zusammen mit dem Naturschutzband begann er ein Aufpreis-Projekt zur Förderung der Streuobstwiesen am Niederrhein. Noch in den 60ern hatte die Landespolitik darauf gesetzt, Streuobstwiesen verschwinden zu lassen und stattdessen auf Obstplantagen zu fördern, berichtet Peter van Nahmen. "12 D-Mark bekamen die Landwirte damals von der EG für einen gefällten Streuobstwiesenbaum." Rainer van Nahmen schloss eine Kooperation mit Landwirten - sie alle würden die Äpfel ihrer Streuobstwiesen bei ihm anliefern können; zu einem höheren Preis. Van Nahmen würde die Säfte dann produzieren und vertreiben. Als naturtrüber Saft von Streuobstwiesen wird das Produkt angeboten - noch immer einer der beliebtesten Produkte. Dahinter habe ein Naturschutzgedanke gestanden, sagt Peter van Nahmen.

Die Streuobstwiesen dienten früher der Eigenversorgung der Höfe im Winter, später wurde auch das Ruhrgebiet mit Äpfeln vom Niederrhein versorgt. 1500 Apfelsorten gebe es am Niederrhein. Und die Streuobstwiesen, auf denen sie stehen, seien Naturparadiese: 5000 unterschiedliche Pflanzen und Tiere würden dort leben, Biologen würden eine extrem hohe Biodiversität attestieren. Streuobstwiesen seien nicht auf schnellen Ertrag angelegt: "Acht bis neun Jahre dauert es bis zur ersten Ernte, nach dem 25. Lebensjahr gibt es erst den vollen Ertrag, das macht der Baum dann die nächsten 50 Jahre." Seine Familie sei "grün angehaucht", sagt Peter van Nahmen. Dass man auf Äpfel von Streuobstwiesen setze, habe aber auch geschmackliche Gründe: "Man bekommt einen intensiver schmeckenden Apfelsaft."

Auf 250 Streuobstwiesen am Niederrhein wachsen inzwischen die van Nahmen-Äpfel. Auch Privatpersonen können Äpfel anliefern: Für 100 Kilogramm Äpfel bekommen sie 80 Flaschen á 0,7 Liter Apfelsaft zu einem deutlich vergünstigten Preis retour, weil sie die Äpfel selbst einbringen. Nur bei manchen Obstsorten muss van Nahmen auf die Lieferung aus der Ferne setzen, bei der Stachelbeere etwa. "Die wächst im Süden einfach besser", sagt der Unternehmer. Da gehe Qualität vor Regionalität.

Wer mit Peter van Nahmen einen Apfelsaft verkostet, der fühlt sich wie bei einer Weinprobe. Der Unternehmer schlürft das Getränk, zieht es einmal durch den Mund, lässt die Säure die Lippen kitzeln, schwenkt sein Glas. Tatsächlich schmeckt man große Unterschiede, wenn man die verschiedenen sortenreinen Säfte testet. Die Rote Sternrenette ist so etwas die der Familien-Liebling unter all den Säften. 2006, bei einem Streuobstwiesenfest mit dem Nabu im Ortsteil Hamminkeln, wurden die Bürger gebeten, Äpfel mitzubringen. 85 Apfelsorten wurden angeliefert, immer wurde dort nach der Roten Sternrenette gefragt. "Ein ur-niederrheinischer Apfel", sagt van Nahmen. Zu Weihnachten diente er früher als Deko auf dem Kaminsims.

Mit dieser Apfelsorte machte van Nahmen seine erste Probepressung, und viele der langjährig beschäftigten 25 Mitarbeiter hielten den Firmenchef für verrückt. Wer würde mehr Geld für sortenreinen Saft bezahlen wollen?

Normale Säfte haben fünf Gramm Säure und 45 Grad Oechsle - der Wert definiert den Anteil des Zuckers im Most. Der Saft der Roten Sternrenette kommt auf zehn Gramm Säure und 60 Grad Oechsle. Zucker und Säure heben sich auf, es gibt aber einen intensiveren Geschmack. Ein "Himbeeraroma" schmeckt Peter van Nahmen, der das Jahr 2006 als neuen Meilenstein in der Unternehmensgeschichte bezeichnet. "Damit ging alles los", sagt er. Durch immer unterschiedliche Witterungsbedingungen würden sich die Säfte verändern. "Jedes Jahr schmeckt anders."

20 sortenreine Säfte produziert van Nahmen mittlerweile, sieben Apfelsäfte, auch Tomatensaft und vermehrt Rhabarber. Zunehmend gefragt ist der Frucht-Secco. Gastronomiebetriebe aus der Region hätten immer wieder Produkte angefragt, die bei Festlichkeiten als Alternative zum Alkohol angeboten werden können. Jetzt produziert van Nahmen etwa einen Cuvée von Apfel und Roter Johannesbeere. "Das ist noch ein großes Feld", sagt Peter van Nahmen.

Erster Kunde war Manufactum. Durch "Mund-zu-Mund-Propaganda" habe es weitere Kunden gegeben - zwischenzeitlich konnte man in Lufthansa-Fliegern die Apfelsäfte vom Niederrhein trinken, immer auf Rückflügen nach Deutschland. Die Fluglinie wollte ihren Kunden Geschmack auf die Heimat machen. Auch im Schloss Bellevue des Bundespräsidenten wird Saft von van Nahmen ausgeschenkt.

Peter van Nahmen ist stolz, dieser Tage das 100-Jährige seines Familienunternehmens feiern zu dürfen. "Dieses Unternehmen ist ein Geschenk, das man 20 bis 25 Jahre begleiten darf", sagt der Unternehmer, der mit Frau Sabine und seinen zwei Kindern fußläufig zum Unternehmen wohnt. Van Nahmen ist glücklich in der kleinen Gemeinde Hamminkeln: Demnächst kann er sogar in seinem eigenen Unternehmen einkaufen: Zum Fest wird der Hofladen heute eröffnen.

Quelle: RP
 
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