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Himmel & Erde
Der schleichende Prozess der Erosion bei den Kirchen

Wesel. Thomas Brödenfeld, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, schreibt in seiner Kolumne über die Kirchenaustritte und was Gemeinden dagegen tun können.

Die eben erst veröffentlichten Zahlen sprechen für sich. Die evangelische Kirche verzeichnete nach EKD-Angaben im Jahr 2014 einen Rückgang von 410 000 Mitgliedern durch Tod und Austritte. Die katholische Kirche verlor, so steht es in der offiziellen Statistik der Deutschen Bischofskonferenz, rund 458 000 Mitglieder. Allein knapp 218 000 Menschen hatten der katholischen Kirche den Rücken gekehrt, was einem Anstieg der Austritte um knapp 22 Prozent entspricht. Die EKD gab bislang noch keine Austrittszahlen bekannt, doch die Angaben einzelner evangelischer Landeskirchen lassen auf deutlich gestiegene Zahlen schließen. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz zählte Ende 2014 rund 23,94 Millionen Mitglieder in ihren 27 Diözesen, die Evangelische Kirche in Deutschland rund 22,63 Millionen Mitglieder in ihren 20 Landeskirchen. Unter dem Strich ist festzustellen, dass beide großen Volkskirchen im abgelaufenen Jahr zusammen gut 868 000 Mitglieder verloren haben. Dass im gleichen Zeitraum mehr als 50 000 Menschen wieder in die evangelische Kirche eingetreten sind, ist eine nicht unwichtige Zahl. Angesichts der hohen Verluste wirkt sie aber dennoch allzu bescheiden. Dass bei der Vielzahl an Austritten aus beiden großen Kirchen das neue Einzugsverfahren beim Kirchensteueranteil der Kapitalertragssteuer unglückliche Reflexe besonders bei älteren Kirchenmitgliedern bewirkt hat, ist hinlänglich diskutiert worden. Dennoch können sich die Kirchen in Deutschland mit diesen Erklärungsversuchen nicht zufrieden geben. Wer sich seiner Kirche verbunden und in ihr aufgehoben weiß, tritt nicht wegen einer Formalie beim Kirchensteuereinzug aus seiner Gemeinde aus. Den meisten Austritten geht eine jahrelange innere Entfremdung voraus. Dann bedarf es manchmal nur einer Kleinigkeit, um seiner Kirche den Rücken zu kehren.

Was aber können die Kirchen in nächster Zukunft tun, um diesen schleichenden Prozess der Erosion auch nur ansatzweise aufzuhalten? Die Erfahrung zeigt, dass die entscheidenden religiösen Bindungen auf Ebene der Gemeinden passieren. Lebendige Gemeinden sind offen, lern- und auch veränderungsbereit ohne ihre eigene erkennbare Haltung im Glauben preiszugeben. Sie leben bewusst in dieser Welt, ohne jedem neuen Zeitgeist hinterherzulaufen. Sie sind authentisch und lassen sich bereitwillig berechtigte Kritik gefallen. Lebendige Gemeinden sind einladend für alle Menschen, ökumenisch engagiert und sie setzen sich im Geiste Jesu Christi besonders für die Armen, für die Entrechteten und auch für die an den Rand der Gesellschaft Gedrängten ein. Wo Gemeinden so leben, werden Menschen sich auch ganz sicher wieder für ihre Kirche entscheiden.

THOMAS BRÖDENFELD

Quelle: RP
 
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