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Himmel Und Erde
Der unterschätzte Papst

Himmel Und Erde: Der unterschätzte Papst
FOTO: Malz Ekkehart
Wesel. Der 13. März 2013, ein Mittwoch, war ein ungemütlicher und zugiger Tag in Rom. Das Wetter konnte sich zwischen beharrender Winterkälte und zaghafter Frühlingswärme immer noch nicht richtig entscheiden. Das aber hat Zehntausende Menschen, die auf dem von Bernini entworfenen Petersplatz bis hinunter auf die Via della Conciliazione in dichtgedrängten Reihen standen, nicht davon abgehalten, Stunde um Stunde auszuharren und den Blick gebannt auf den wohl berühmtesten Schornstein der Welt an der Sixtinischen Kapelle zu richten.

Das "Buona sera - Guten Abend", das der zunächst etwas unbeholfen wirkende ältere Mann auf dem Balkon des Petersdoms dann mit warmer Stimme als ersten Gruß an die unübersehbare Menschenmenge richtete, klingt auch nach fünf Jahren noch in den Ohren. Fünf Jahre Papst Franziskus, fünf Jahre, in denen der Jesuitenpater und ehemalige Erzbischof und Kardinal Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien so ziemlich jedes Etikett angeheftet bekommen hat, das taugte, ihn in bestimmte Schubladen zu stecken. Revolutionär und Reformer, Pontifex minimus, einsamer Kämpfer im Vatikan, Schaf unter Wölfen, der ausgebremste Papst.

Tatsache ist, dass Franziskus die Konservativen in der römischen Kurie noch mehr entsetzt hat, als sie es bei seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche ohnehin schon befürchtet hatten und dass er die Liberalen und Reformer mit ihren Hoffnungen auf schnelle Veränderungen bei den Fragen nach einer Neuausrichtung der katholischen Lehrmeinung zu Homosexualität, Scheidung, dem Nein zum Frauenpriestertum und der Problematik eines gemeinsamen Abendmahls von Protestanten und Katholiken enttäuscht hat. Franziskus entzieht sich ganz bewusst den Widerständen und Erwartungen innerhalb und außerhalb der Kirche. Und genau das ist sein langfristiges Erfolgsmodell. Der sonst so sanftmütig und bescheiden auftretende Papst hat sich entschlossen von reaktionären Hardlinern in der Kurie getrennt und zugleich deutlich gemacht, dass es für die Weltkirche Wichtigeres gibt, als sich mit den Auswüchsen einer aus dem Ruder gelaufenen Genderdiskussion zu beschäftigen. Das Programm von Franziskus ist die Barmherzigkeit. Subjekt des christlichen und kirchlichen Handelns ist der in seiner Menschenwürde gefährdete Mensch, ob arm, krank, einsam, ausgeschlossen, ökonomisch oder sexuell ausgebeutet. Subjekt ist auch die durch Raubbau und Klimawandel bedrohte Natur. Und als größten Gefährder macht Franziskus die Lebensweise in den reichen Industrienationen aus, mit ihren Folgen für die gesamte Welt: "Diese Wirtschaft tötet", schreibt er so hart wie klar in "Evangelii gaudium". Die Kirche muss sich deshalb immer wieder auf den Weg zu den Menschen machen. Ihr Ziel dürfe es nicht sein, stolz und schön und unversehrt dazustehen, sie müsse sich "verbeulen" lassen, wie Franziskus in seiner Programmschrift "Die Freude des Evangeliums" schreibt. Fünf Jahre Papst Franziskus machen neugierig auf weitere Jahre mit diesem ungewöhnlichen Mann.

THOMAS BRÖDENFELD

Quelle: RP
 
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