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Wesel
Der Wechselkandidat

Wesel: Der Wechselkandidat
Hilmar Schulz, 34 Jahre alt, jetzt wieder SPD-Mitglied. Die Arbeit an der Front ist ihm vertraut. Neuerdings ist er Vorsitzender der SPD Mitte-Büderich. FOTO: Sebastian Peters
Wesel. Hilmar Schulz ist eines der großen politischen Talente in Wesel, aber auch ein Wanderer: Jusos, Linke, Piraten-Mitarbeiter, Wählergemeinschaft WWW. Was treibt ihn an und warum ständig neue Parteien? Wer ihn beobachtet, der spürt: Schulz strebt nach Macht. Jetzt auch nach Konstanz? Von Sebastian Peters

Am Ende eines einstündigen Gesprächs, in dem es um die politische Wanderschaft des Weselers Hilmar Schulz geht, muss folgerichtig die Frage nach seiner politischen Zukunft stehen. Wie geht es weiter mit Ihnen, Herr Schulz? Wann werden Sie SPD-Chef in Wesel? Der 34-Jährige zögert, aber man merkt, dass ihm die Frage schmeichelt. Schulz ist eines der großen politischen Talente, eloquent, mit politischem Biss; manche im Weseler Rat sagen: Er müsste eben mal länger einer Partei die Treue halten. Derzeit ist er in der SPD.

Auf der Interviewfrage sagt der junge Ratsherr dann einen Satz, den auch gestandene Politiker so formulieren könnten: "Die Frage SPD-Chef stellt sich im Moment nicht. Ich finde es vermessen, jetzt schon Forderungen zu stellen."

Wer Hilmar Schulz im Weseler Rat erlebt hat, der weiß: Diese Art von Demut ist untypisch für einen jungen Mann, der seit frühester Schulzeit seine Meinung sagt, der seine erste politische Heimat bei den Jusos fand. Aufgewachsen in Schepersfeld, wohnt er mit einer Partnerin und ihren beiden Kindern heute im Schillviertel. Seine Statur ist barock, wie es für meinungsstarke Politiker nicht untypisch ist. Aber da ist noch dieser Rest von Schluffigkeit - Hemd offen über T-Shirt. Schulz ist ein Nonkonformist, der sich im Rat auch mal mit einer Althäsin wie SPD-Ratsfrau Ulla Hornemann anlegt. Schulz strebt auf seine ganz eigene Art nach Macht. Neuerdings versucht er dies als Vorsitzender der SPD in Wesel-Mitte, obwohl er erst seit wenigen Monaten wieder SPD-Mitglied ist. Die Arbeit an der Front ist ihm nicht fremd: Er war Schülersprecher an der Realschule Mitte, später auch am Andreas-Vesalius-Gymnasium, Asta-Vorsitzender der Hochschule Niederrhein, Sprecher der Studierenden in NRW und in seiner Ausbildung bei der Arbeitsagentur wirkte er in der Auszubildendenvertretung mit. In ihm allerdings einen Apparatschik zu sehen, einen Funktionärspolitiker, würde zu kurz greifen.

Die Wanderschaft des Hilmar Schulz: Erst ist er Juso-Mitglied. Frustriert von der Agenda 2010 der Schröder-SPD wechselt er zur Linken. An der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach beginnt er in dieser Zeit ein Studium der Kulturpädagogik. 2010 folgt der Ruf nach Düsseldorf. Schulz arbeitet dann für die Vizepräsidentin der Linken im Landtag, Gunhild Böht. "Das Spannendste, was ich politisch bisher erlebt habe. Eine Minderheitsregierung hatte es bis dahin in Deutschland nie gegeben. Und es wird auch nicht mehr vorkommen", sagt Schulz. Jeder Gesetzesentwurf sei damals bis auf das letzte Komma ausdiskutiert worden. Daran habe er mitgewirkt. "Ich hatte zwar offiziell eine 35-Stunden-Woche, letztlich habe ich aber 60 Stunden gearbeitet." Dass er nach der Auflösung des NRW-Landtags für die Piraten zu arbeiten begann, sei Produkt eines Zufalls gewesen, sagt Schulz. "Beim Ausräumen des Büros traf ich auf Joachim Paul, den Fraktionschef der Piraten. Der fragte mich, was ich denn da machen würde. Ich habe ihm dann erklärt, dass ich gerade das Büro für ihn freimache", erzählt Schulz.

Paul habe ihm dann einen Job angeboten. "Bewerben Sie sich doch bei uns", habe er gesagt. Und Schulz sagt, er habe geantwortet: "Sind Sie wahnsinnig?" Er habe dann aber mit Freunden und Familie überlegt, ob er den Schritt gehen kann. In der Weseler Linken habe das Jobangebot für Furore gesorgt. "Du musst die Partei fragen!", hätten ihm Parteimitglieder damals gesagt. Heute sagt Schulz: "Wir sind doch nicht im Stalinismus. Ich muss doch nicht Moskau fragen, wenn ich einen neuen Job beginne." 2012 trat er aus der Linkspartei aus, legte sein Kreistagsmandat nieder, arbeitete für die Piraten im Landtag.

Schulz und die Piraten - er sei nie Mitglied geworden, betont der Weseler. Dennoch habe er die Zeit erneut als hochspannend empfunden. Am Anfang habe es eine "unfassbare Motivation" gegeben. Dann aber habe die Partei eine Hale-Bopp-Karriere gemacht. Wie ein Komet in die Luft, der Absturz umso schneller. Im Unterschied zur Linkspartei, die innerlich streng hierarchisch gegliedert sei, würde es bei den Piraten aber flache Hierarchien geben. "Die Piraten haben am Anfang die Fragen gestellt, die in 30 Jahren relevant sein werden." Deshalb seien die Piraten ein gutes Projekt gewesen.

Im Jahr 2013 dann die nächste politische Entwicklung: Schulz gründet mit Mitstreitern die Wählergemeinschaft WWW. Eine "komische Stimmung" habe es damals in Wesel gegeben, viele junge Leute hätten sich über fehlende Angebote für Jugendliche beschwert. Da habe er die Idee gehabt, eine Wählergemeinschaft zu gründen. 2,7 Prozent und 600 Stimmen holte die bunte Truppe aus dem Stand bei der Kommunalwahl 2014 - mit zweifelhaften Parolen wie "Der Endgegner sitzt im Rathaus". Schulz gesteht ein: "Das würde ich heute nicht mehr so formulieren", wenngleich er darauf verweist, dass der "Endgegner" eine Terminologie aus der Computersprache sei. Dass Assoziationen zur NS-Zeit und zum "Endsieg" geweckt wurden - Schulz scheint es nicht zu stören.

Man müsse politisch auch mal provozieren, sagt der 34-Jährige. "Es gibt nichts Langweiligeres als Ja-Sager." In der Weseler Fraktionsgemeinschaft mit den Piraten sei seine eigene Wählergemeinschaft untergegangen, zu wenig wahrgenommen worden, bilanziert er. "Dabei waren wir in diesem Bündnis oft die treibende Kraft." Also wieder ein Streben nach Macht: Schulz ermunterte seine Parteikollegen, zur SPD zu wechseln. Eine offensive Anwerbung der SPD habe es nie gegeben, sagt Schulz. Er sei auf den SPD-Chef Ludger Hovest in Wesel zugegangen. "Der war bei uns jungen Politikern natürlich nicht der beliebteste." Das habe mit dem Auftreten von Hovest zu tun gehabt. Schulz sagt aber auch: "Ich habe mit ihm kein Problem." So kam Hilmar Schulz im Jahr 2016 dahin zurück, wo er seine politische Karriere begann: bei den Sozialdemokraten. Heute sagt er: "Ich hatte immer eine politische Heimat, aber die ist von Schröder rasiert worden" Er begrüße es, dass sein Namensvetter, der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, sich für mehr Umverteilung einsetze. Deshalb passe er in die jetzige SPD.

Hilmar Schulz und das Streben nach Macht. Eigentlich wäre für den Schalke-04-Fan doch das Traumziel die Präsidentschaft beim Ruhrgebietsclub. Schulz kontert: "Das ist nichts für mich, da muss man zu viel Kohle haben, ich verteile die Kohle lieber."

Quelle: RP
 
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