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Schermbeck
Der Weg zum Christen

Schermbeck: Der Weg zum Christen
Die Moschee von Ifahan im Iran FOTO: Thinkstock/jacek malipan
Schermbeck. Pfarrer i.R. Wolfgang Bornebusch befragt Flüchtlinge zu ihren Lebensgeschichten. Ein Iraner möchte zum Christentum konvertieren. Von Wolfgang Bornebusch

Mein Interviewpartner heißt Roozbeh - seinen Nachnamen möchte er genauso wenig veröffentlicht wissen wie ein Foto. Seine Flucht, sagt er, hat ihm schon genug Ärger mit Polizei und Geheimdienst gemacht.

Roozbeh ist gerade 29 geworden und kommt aus dem Iran. Geboren wurde er in Schiraz, mit 1,5 Millionen Einwohnern die fünftgrößte Stadt des Landes. Hier wächst er mit einer Schwester auf in einer muslimischen Familie, die dem Islam gleichgültig bis kritisch-distanziert gegenüber steht. Auch der junge Roozbeh findet in den Lehren des Islams keine Orientierung.

Zwölf Jahre besucht Roozbeh die Schule, studiert anschließend an der Universität Bauingenieurswesen. In diesem Bereich arbeitet er schon, als er mit dem Christentum in Berührung kommt und schließlich eine "homechurch" (Hauskirche) besucht, eine kleine Gruppe von vier ehemaligen Muslimen. Jeden Freitag kommen sie zusammen. Etwa ein Jahr lang nimmt er an ihren geheimen Zusammenkünften teil. Dabei wird ihm klar, dass er zum Christentum konvertieren möchte. Seine Familie respektiert seine Entscheidung - zumindest Vater, Mutter und Schwester. Die islamische Republik Iran ist damit nicht einverstanden: Männliche Muslime, die zum Christentum konvertieren, müssen mit der Todesstrafe rechnen, Frauen erwartet unter Umständen lebenslange Haft.

Assyrische und armenische christliche Gemeinden genießen einen gewissen Schutz. Geborene Perser aber gelten per se als Muslime. Dieser Logik folgend sind persisch-stämmige Christen Abtrünnige (Apostaten). Jede christliche Aktivität in Farsi, der persischen Sprache, wird als Gesetzesübertretung geahndet. Ehemalige Muslime, die sich zum Christentum bekehrt haben, rechnet man inzwischen zur größten Gruppe unter den Christen im Iran. Diese können ihr Christsein nicht öffentlich leben, gehen daher in den Untergrund. Die iranischen Machthaber sehen im christlichen Glauben einen Ausdruck des verwerflichen westlichen Einflusses, eine Bedrohung der Errungenschaften der islamischen Revolution von 1979, eine Infragestellung der Identität des iranischen Staates.

Roozbehs Christsein bleibt den Organen von Polizei und Geheimdienst nicht verborgen. Bei einer Hausdurchsuchung findet man christliche Literatur in Farsi auf seinem Zimmer und entdeckt seine Mitgliedschaft in einer Hauskirche. Im Spätsommer 2014 muss Roozbeh fliehen. Das Problem: Seinen Pass, so sagt er, hat man auf die schwarze Liste gesetzt. Würde er versuchen, über einen Flughafen das Land zu verlassen oder mit einem Pkw die Grenze zur Türkei ordnungsgemäß zu überqueren, würde er sofort verhaftet.

Ein Onkel von Roozbeh bezahlt einen Lkw-Fahrer, der den Neffen außer Landes bringen soll. Roozbeh sitzt in so etwas wie einem Käfig, verborgen durch Transportgüter. Er bekommt Luft. Er hat ausreichend zu essen und zu trinken. Mit einer Taschenlampe kann er sich gelegentlich Licht machen. Bewegen kann er sich kaum - zwölf Tage lang. Um die Zeit zu verkürzen, nimmt er Schlaftabletten. Um das Toilettenproblem halbwegs in den Griff zu kriegen, isst und trinkt er so wenig wie möglich, nimmt Tabletten ein, die die Darmtätigkeit herabsetzen. Es ist eine Tortur.

Welche Strecke er gefahren ist, welche Länder er durchfahren hat, weiß er nicht, kann nur mutmaßen. Nach zwölf Tagen wird er irgendwo auf einem Parkplatz am Rande einer Landstraße abgesetzt. Es ist mitten in der Nacht und bitterkalt. Der Fahrer und der Lkw verschwinden - mit seinem Pass. Er bleibt allein zurück und macht sich auf, um eine Stadt oder ein Dorf zu finden. Es dauert nicht lange, so verstehe ich ihn, da greift ihn die Polizei auf. Ob er wisse, wo er sich befinde, wird er gefragt. Nein. Man klärt ihn auf: Roozbeh ist in der Slowakei.

In der Slowakei, das wird Roozbeh sehr schnell klar, ist er nicht willkommen. Die Menschen lassen ihn das deutlich spüren. In diesem Land will er nicht bleiben. Trotzdem muss er einen Asylantrag stellen, denn die Alternative hieße, in den Iran zurückgeschickt zu werden. Und das will er auf keinen Fall. Er stellt den Antrag. Man bringt ihn in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Bratislava unter. Die rund 15 Insassen kommen aus Syrien, dem Irak, aus Bangladesh und Pakistan. Auch ein palästinensischer Christ aus Bethlehem ist unter ihnen. Mit ihm freundet er sich an. Sein neuer Freund gibt sich und Roozbeh den muslimischen Flüchtlingen gegenüber als Christen zu erkennen und äußert sich kritisch gegenüber dem Islam. In der Folge kommt es immer wieder zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Roozbeh wird geschlagen, getreten, gedemütigt. Er hat Angstträume und das Gefühl, verrückt zu werden.

Nach sechs Monaten verbessert sich seine Lage ein wenig dank einer Psychologin, die einmal in der Woche ins Flüchtlingslager kommt. Sie erkennt seinen Zustand und vermittelt ihm einen unbezahlten Job in einem Architektenbüro. In der Woche kann er also jeden Tag das Lager verlassen. Ein Schrecken bleiben für ihn die Wochenenden. Dann sitzt er im Lager fest.

Nach acht Monaten kann er das Lager und die Slowakei verlassen. Erste Station: Wien. Doch Roozbeh will nach Deutschland. Er tut sich mit einigen Afghanen zusammen. Gemeinsam suchen und finden sie jemanden, der sie gegen Bezahlung über die Grenze nach Deutschland bringt. Roozbeh gelangt relativ bald nach Düsseldorf, wo er sich durchfragt - er spricht sehr gut Englisch. Am 15. September 2015 stellt er in Deutschland erneut einen Asylantrag. Dieser Antrag ist bis heute noch nicht beschieden.

Von Düsseldorf schickt man ihn nach Kerpen, dann weiter nach Kevelaer und Schermbeck. Hier lebt er nun seit ungefähr acht Monaten. Mehrere Male musste er umziehen. Ich treffe ihn im ehemaligen Ecco-Hotel an der Maassenstraße. Über Schermbeck und die Schermbecker kann er nur Gutes sagen. Noch niemand sei ihm hier feindselig oder unfreundlich begegnet, sagt er. Er hat inzwischen afghanische Freunde - sie sind Muslime, aber das ist kein Problem. Religion soll kein Thema sein.

Das Jobcenter vermitteltet ihm ein unbezahltes Praktikum, das ihn in Anspruch nimmt. Er fährt nun jeden Tag zweieinhalb Stunden mit dem Bus nach Düsseldorf und zurück. Roozbeh ist froh, so beschäftigt zu sein - zumal er in einer Firma arbeitet, in der er sein Fachwissen als Bauingenieur einsetzen kann.

Getauft ist der Iraner noch nicht - das soll in Schermbeck geschehen. Einmal wöchentlich trifft er sich mit Ekkehard Liesmann, dem Diakon der Katholischen Kirchengemeinde St. Ludgerus, zum Taufunterricht. Er wünscht sich, ein ganz normales Leben in Deutschland führen zu können: Geld verdienen, unabhängig sein, respektiert werden.

Quelle: RP
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