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Hamminkeln
Die Kunst des Bruchteils einer Sekunde

Hamminkeln: Die Kunst des Bruchteils einer Sekunde
Der Tropfenfänger FOTO: Malz, Ekkehart (ema)
Hamminkeln. Der Hamminkelner Hobby-Fotograf Thomas Becker zeigt in faszinierend bizarren Bildern die Welt der Wassertropfen. Von Bernfried Paus

Das Motiv ist das eines Philosophen. "Dinge, die man nicht sieht, die es, wenn auch nur für einen winzigen Moment, dennoch gibt, sichtbar machen", sagt Thomas Becker (59). Das gelingt ihm auf beeindruckende Weise. Er fotografiert Wassertropfen, exakt an dem Punkt, an dem sie miteinandern kollidieren. Heraus kommen faszinierend bizarre Bilder eines Augenblicks, der mit dem bloßen Auge nur zu erleben ist, wenn er nicht mit der Kamera aufgefangen wird: kunstvoll filigrane Skulpturen von faszinierender Schönheit mit einem Hauch von Pop-Art. Die Figuren scheinen aus einer irrealen Welt entführt, sind aber Abbild einer von Menschenhand gesteuerten Wirklichkeit.

Am Anfang war die Fotografie. "Ich habe schon als junger Mensch alles geknipst, was mir vor die Linse kam", sagt Thomas Becker, von Beruf Zweiradmechaniker und Fahrradhändler. Vor Jahren schon hatte sich der Hobby-Fotograf mit Aufnahmen fallender Wassertropfen befasst. Eine höchst schwierige Disziplin, die er "dann wieder aus den Augen verloren hat".

Doch in diesem Winter packte ihn wieder die Lust auf kollidierende Tropfen und der fotografische Ehrgeiz. Thomas Becker zog sich in den Keller seines Hauses zurück und bastelte sich ein so schlicht wie effizientes Tropfen-Gestell, das nicht mehr als 100 Euro teuer war. Eine Nullachtfünfzehn-Spiegelreflexkamera, zwei Blitzgeräte und ein Stativ hatte er schon.

So baute der technisch begabte Fotograf aus Magnetventilen und Wasserbehältern ein Gestell, aus denen er aus stufenlos verstellbarer Höhe Wassertropfen in ein Auffangbecken, eine einfache Glasschüssel, plumpsen lassen konnte, um die Effekte zu erzielen, die es für atemberaubende Bilder braucht. Exakt den Moment zu erwischen, das Timing, ist die hohe Kunst. Es geht um den sprichwörtlichen Bruchteil einer Sekunde, ein 20 000stel davon, um genau zu sein.

Herzstück der Technik ist die Steuerung durch einen Minicontroller, der Kamera, Blitze und Magnetventile auf eine Millisekunde genau aufeinander abstimmt. Die erforderliche Software kann man aus dem Internet runterladen. Der Rest ist Tüftelei und jede Menge Geduld, um das notwendige Fingerspitzengefühl zu entwickeln.

Der 59-Jährige hat rund 20 000 Aufnahmen gebraucht, bis er einigermaßen zufrieden war. Das geht nur mit digitaler Fotografie. "Erst dann war ich so weit, dass ich weitgehend selbst bestimmen konnte, wie die Tropfenfiguren aussehen", sagt er. Aber jedes Bild bleibe, kein Wunder zwar, aber eine Einmaligkeit. "Wenn ich tolle Aufnahmen am nächsten Tag wiederholen wollte, gab es oft nur Ausschuss, obwohl alle Einstellungen identisch waren", berichtet Becker. "Vielleicht war der Luftdruck anders, oder die Viskosität der Flüssigkeit wich vielleicht einen Hauch ab", so der Fachmann. "Schon minimale Veränderungen entscheiden, ob ein Tropfen eine Millisekunde früher oder später fällt und somit über Top oder Flop."

Die physikalischen Reaktionen, die ein fallender Tropfen erzeugt, hängen von seiner Größe, der Fallhöhe und der Viskosität des Wassers ab, dem Becker etwas Guarkernmehl aus dem Bioladen beimengt, weil Wasser pur "nervös ist" und die Figuren sehr unruhig geraten.

Schon der Moment des Eintauchens ist erhabener, der eine Krone auf die Wasseroberfläche zaubert. Was dann passiert, "hängt von der Dynamik des Tropfens ab". Ein nach dem Eintauchen vom verdrängten Wasser wieder nach oben geschleuderter Tropfen sprengt den, der von oben folgt. Winzige Kollisionen von malerischer Qualität. "Im Idealfall", so der Kenner, "entsteht eine kegelförmige Figur, die einen kugelförmigen Tropfen auf der Spitze balanciert." Das kann man steuern. Aber auch wenn Tropfen unkontrolliert aufeinandertreffen, können tolle Gebilde entstehen. Chaos hat ästhetische Seiten. Becker lehnt es ab, bunte Tropfenflüssigkeit - Wasser ist farblos - zu verwenden oder Farbfolien vor die Blitzlichter zu montieren. "Kitschig", findet er die Ergebnisse. Er bringt am PC sehr gezielt Farbe ins Spiel.

Der Winter ist vorbei. Die Motive sind ausgereizt. Das Kapitel Tropfen ist für den Fotografen abgeschlossen. Sein Wissen behält er nicht für sich. Im Gegenteil. Im E-Book "Die Geheimnisse der Tropfen-Fotografie" hat er seine Erfahrungen aufgeschrieben für alle, die's selbst mal probieren möchten.

Er selbst hat sich inzwischen auf ein neues fotografisches Experimentierfeld eingelassen, das neue Abenteuer bereit hält. Die Makro-Fotografie. Winzigkeiten werden da zu gigantischen Ereignissen. Das Auge einer Fliege zum Beispiel. Da ist er noch am Anfang. Doch Becker ist schon überwältigt von seinen ersten Eindrücken: "Staubkörnchen werden da in der Wahrnehmung zu Felsbrocken in einer gewaltigen Gesteinslandschaft."

Quelle: RP
 
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