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Wesel
Die Plattsprecherin

Wesel: Die Plattsprecherin
Christel Tinnefeld möchte durch ihre Gedichte dazu beitragen, dass die plattdeutsche Sprache - für sie ein Stück Heimat - nicht verloren geht. FOTO: Armin Fischer
Wesel. Christel Tinnefeld (77) von der Bönninghardt ist der Star auf den Mundartbühnen in Alpen und Umgebung. Seit mehr als 25 Jahren bringt sie ihre Alltagsbeobachtungen in der Sprache ihrer Eltern in Versform - auch in der RP. Von Bernfried Paus

Als Christel Tinnefeld (77) vom Höhenzug Bönninghardt damals zum Lehrer Schäfer in die Schule kam, sprach sie kein Wort Deutsch. Zuhause wurde nur Platt gesprochen. Ihre "erste Fremdsprache" beherrscht sie längst, als sei es ihre Muttersprache. Aber so richtig heimisch, sagt sie, fühle sie sich immer noch, wenn sie Platt spreche. Dann spüre sie keine Scham, sich auch mal etwas derber auszudrücken. "Dann traue ich mich, den Popo auch mal Kunt zu nennen", sagt sie und grinst. Längst ist Christel Tinnelfeld so etwas wie ein Star auf den Bühnen der Region, wo die Mundart gepflegt wird. Wenn auf der Bönninghardt, in den anderen Ortschaften der Gemeinde Alpen oder auch in der Nachbarschaft vor Publikum Platt gesprochen wird, darf die 77-Jährige nicht fehlen. Das würden ihr die vielen Fans nicht verzeihen.

Und sie fühlt sich wohl in der Rolle als Bewahrerin des "Bessenbinder-Platt", wie's "op de Hei" nur noch wenige beherrschen. Einer davon ist ihr Mann Heinrich (81), der ebenso auf der Bönninghardt geboren und aufgewachsen und mit dem Christel Tinnefeld geb. Kalbfleisch im kommenden Jahr ein halbes Jahrhundert verheiratet ist. Beide freuen sich drauf, "goldene Hochtid fiere". Im Hause Tinnefeld, das ist klar, fällt heute noch immer kein hochdeutsches Wort - wenn's nicht gerade die Anwesenheit eines Besuchers erfordert.

So war's auch auf dem kleinen Kotten an der Bahnlinie, wo Christel als Nesthäkchen unter neun Geschwistern aufgewachsen ist - drei Schwestern leben noch. Wenn die vier sich treffen, keine Frage, wird geredet, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. "Es wödt Platt gesproake. platt vör de kopp." Wobei auch die Queen des Heier Platt nicht weiß, wie's richtig geschrieben wird. Platt ist eine Sprechsprache. "Das schreibt man nach Gehör." Lautschrift also. Richtig ist, was richtig klingt.

Das mit der Rechtschreibung war schon in der Volksschule so eine Sache. Gut, dass Lehrer Schäfer vor allem Wert "auf eine schöne Handschrift" gelegt hat und darauf, "dass wir singen konnten". Noch heute profitiert Christel Tinnefeld von einem geübten Händchen, wenn sie den dünnen Filzschreiber zur Hand nimmt und sich daran macht, alltägliche Beobachtungen gereimt in Versform zu bringen.

Hunderte von Gedichten hat die Plattspräkerin verfasst. Schon vor zehn Jahren ist ein Buch erschienen, in dem mehr als 200 davon vor dem Vergessen bewahrt werden. Ihr Fundus ist längst um weit mehr als 150 weitere Gereimtheiten angewachsen. Nur: "Ich hab' eigentlich gar keine große Lust, noch ein Buch zu machen", sagt sie. Aber der Druck wächst, es doch zu tun, erzählt die 77-Jährige. Sie wird ihm wohl nachgeben.

So hartnäckig wie ihre Weigerung, einen Schritt in die digitale Welt zu tun, wirkt sie in dem Punkt nicht. Die vielen liebevoll ermunternden Reaktionen ihrer Zeitgenossen auf ihre Verse, etwa wenn sie unter der Rubrik "Total lokal" in der RP erschienen sind, tun ihr gut. Ja, sie freut sich darüber. "Einige schneiden die Gedichte in der Zeitung aus und bewahren sie auf", erzählt sie. Ihre Augen verraten ein wenig Stolz.

Angefangen hat's in der Vereinszeitung der Brieftaubenzüchter. Ihr Mann ließ seine Vögel bei Wotan Bönninghardt aufsteigen. Im Clubheft erschienen regelmäßig Verse seiner Gattin. Das hat Mut gemacht. An ihr Erstlingsgedicht, mit dem sie sich vor die Leute gewagt hat, erinnert sich die Platt-Poetin noch vage. Es müsste "De kleine Jan in de Badewan" gewesen sein, mit dem sie vor fast 25 Jahren beim plattdeutschen Frühschoppen im Heier Saal Paeßen Premiere vor Publikum gefeiert hat. Mit überwältigendem Erfolg, auch wenn ein Grafter Zungenschlag unverkennbar gewesen sei, wie Leute mit feinem Gehör damals gesagt hätten. "Solche Feinheiten interessieren heute längst keinen mehr", sagt die Sprachkennerin.

Seit vielen Jahren spielt sie beim Bönninghardter Mundart-Frühschoppen - wie zuletzt Anfang des Monats - eine Hauptrolle. Die handgeschriebenen Texte tippt ihr vorher der pensionierte Lehrer "Chang" Schmitz ab, damit sie beim Vortrag nicht ist in Stolpern gerät.

Das kleine Mädchen, das damals belächelt worden ist, weil's im kleinen Kaufladen Fenten "en Päcksken Stieven" bestellt hat und ratlos angeguckt wurde, ist selbstbewusst geworden. Sie habe halt nicht gewusst, dass es ein "Päckchen Stärke" war, mit dem ihre Mutter weiße Hemdkragen oder Tischdecken in Form gebracht hat. "Heute hält mich keiner mehr für dumm", so Christel Tinnefeld, die vor ihrer Hochzeit in einer Krawattenfabrik in Sonsbeck gearbeitet hat. "Sehr gerne sogar", sagt sie.

Sie rührt die Menschen zu Herzen, wenn sie die alte Heimat bewahrt, indem sie ihr Ausdruck verleiht. Das können nicht mehr viele. Aber ab und an, wenn sie mit ein paar alten Heiern zusammensteht, dann mischt sich die Vergangenheit ganz selbstverständlich ins Hier und Jetzt. "Es wäre schade, wenn das ganz verschwinden würde." Oder wie es des Titel ihres ersten Buches beschwörend sagt: "Ons Heier Platt dat dörf nitt ondergon."

Deshalb ist Christel Tinnefeld vor ein paar Jahren auch dem Ruf gefolgt und als Lehrerin an die Grundschule in Veen gegangen folgt. Eine Woche lang hat sie Platt unterrichtet. "Das hat Spaß gemacht." Den Kindern vor allem. Lehrer Bode sei anfangs skeptisch gewesen. Aber ihre Stunden in der Projektwoche waren der Renner.

Später hat sie "Plattspräker" der Veener Grundschule für den Vorlesewettbewerb im Weseler Kreishaus fitgemacht. Nicht nur mit ihren Gedichten, von denen es einige aufs Podium geschafft haben. "Eine Oma ist mit ihrer Enkelin zu mir gekommen, und wir haben geübt", erzählt die erfahrene Muttersprachlerin. Aber sie habe es abgelehnt, sich in die Jury zu setzen, "weil die Lehrer an meinen Versen was ändern wollten". Das mochte sie nicht. "Da versteh' ich ja hinterher mein eigenes Gedicht nicht mehr." Auch in die Bütt hat's Christel Tinnefeld nie gezogen. Doch ganz ohne ihre Reime geht's im Karneval dann doch nicht. Sie hat als Ghostwriterin für ihre närrischen Neffen und Nichten zum Filzstift gegriffen und deren Stichwörter in jecke Reimform gebracht. Nur im Schlaf kommen ihr keine Geschichten. "Ich hab' noch nie in Platt geräumt."

Ansonsten gibt es praktisch nichts, was davor gefeit ist, von ihr in Heier Platt übersetzt zu werden. Nicht nur, wenn sie wie im Frühsommer beim Blick aus dem Fenster auf dem Vogelhäuschen einen Papagei erspäht, nimmt sie spontan ihren schwarzen Filzer und ein Blatt Papier und schreibt fein säuberlich nieder, was ihr in den Sinn kommt. Dem Lehrer Schäfer hätte das gefallen.

Quelle: RP
 
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