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Himmel Und Erde
Die Rache der Wutbürger

Wesel. Auch nach einer Nacht lässt sich das Wahlergebnis nicht verdrängen. Donald Trump hat die Wahlen gewonnen und wird am 20. Januar in sein Amt als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika eingeführt. Eine Mischung aus Schockstarre und Verwunderung hat sich über die Welt und unser Land gelegt. Was niemand ernsthaft für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Gegen die erfahrene und seriöse, aber eben bei vielen Menschen unbeliebte Hillary Clinton hat "ein Größenwahnsinniger ohne moralischen Kern", so der Biograf David Cay Johnston über Donald Trump, die Wahlen gewonnen. Nach dem ersten Schrecken gilt es, nüchtern und besonnen zu bleiben. Amerika ist eine Demokratie. Und Trump hat die US-Präsidentschaftswahlen mit dem von allen Parteien und Kandidaten akzeptierten demokratischen System der Wahlmänner gewonnen. Nun gilt es abzuwarten, was von seinen rhetorischen Amokläufen während des schmutzigen Wahlkampfes übrig bleibt. Als Geschäftsmann war Trump oft genug ein Blender, hat Gesetze zu seinen Gunsten verbogen oder sogar gebrochen. Mit dieser Strategie hat er Milliarden verdient. Nun aber ist er der gewählte Präsident der größten Demokratie der Welt. Er ist an Gesetze gebunden, die er nicht wie in seinen früheren Zeiten brechen und umgehen kann. Viele seiner Äußerungen haben Menschen und Angehörige von Minderheiten verletzt und brüskiert. Hier gilt es, genau hinzusehen, wie ein Präsident Trump mit den Werten seines Landes umgeht. Den Kirchen in Amerika, aber auch bei uns, kommt eine Verantwortung zu, die Einhaltung dieser Werte und Menschenrechte immer wieder einzufordern. Am Tag nach der Wahl lautet die meistgestellte Frage: Wie konnte das geschehen? Erste Antworten und Analysen von Meinungsforschern zeigen den Trend auf, der auch uns in Europa nicht unbekannt ist. In den vergangenen Jahren hat sich eine große Schicht von Enttäuschten und "gefühlt" Abgehängten gebildet, die sich nun über ihre Wählerstimmen Gehör verschafft. Die Rache der Wutbürger an "denen da oben", an einem verhassten Polit-Establishment und an Entscheidungen der Regierenden, von denen sich diese Menschen schon lange nicht mehr vertreten fühlen, nimmt nun konkrete Formen an. Der "Brexit" in England, die zweistelligen Wahlergebnisse der AfD in verschiedenen Bundesländern, ein Präsident Donald Trump in Amerika - alles dies ist ein Weckruf an die Politik, besser hinzuhören, was die Menschen wollen. Wer diese Menschen pauschal verurteilt, erweist der Demokratie einen Bärendienst. Es bleibt zu hoffen, dass nach dem ersten Schrecken über den Ausgang der Wahl eine Kultur des Dialogs beginnt, die, wie es Johannes Rau früher immer nannte, "versöhnt, statt spaltet."

Thomas Brödenfeld

Quelle: RP
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