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Interview
Ein Gespräch über Klassik

Interview: Ein Gespräch über Klassik
Renate Brützel und Max Brandt vom Städtischen Musikverein FOTO: Jana Bauch
Wesel. Wie teuer ist ein Orchester? Wie begeistert man Kinder für klassische Musik? Und was wollen die Niederrheiner hören? Ein Gespräch über klassische Musik mit Renate Brützel und Max Brandt vom Städtischen Musikverein.

Frau Brützel, Herr Brandt, wir wollen über Wesels Verhältnis zur klassischen Musik sprechen. Können Sie als Konzertveranstalter eine Hitparade erstellen? Welche Komponisten hören die Niederrheiner am liebsten?

Max Brandt Das kann man weniger an den Komponisten als vielmehr an den Interpreten festmachen. Wenn in Wesel beheimatete oder bekannte Künstler konzertieren, dann füllen sie den Saal. Seit 1988 bin ich in Wesel, das einzig ausverkaufte Konzert war ein Weihnachtskonzert der Duisburger Philharmoniker vor drei Jahren. Das lag an den Duisburgern, das hätte ein anderes Konzert nicht geschafft.

Sie merken generell, dass zur Weihnachtszeit die Konzerte voller werden?

Renate Brützel Wenn das Programm stimmt, wenn es klassisch weihnachtlich ist. Wir würden uns natürlich wünschen, dass das zu anderen Zeiten ebenfalls gelingt. Ein Beispiel: Zum Abschlusskonzert der letzten Saison hatten wir den Pianisten Martin Stadtfeld da, ein Star der Szene. Im Monat vorher hat der in der Elbphilharmonie zweimal vor ausverkauftem Haus gespielt. In Wesel waren 330 Zuschauer, 700 aber hätten mindestens reingepasst. Dazu kommt, dass unsere Preise sehr moderat sind. Man zahlt hier weniger als anderswo, weil die Preise vom Kulturausschuss festgelegt und städtisch unterstützt sind. 21 Euro höchstens für eine Eintrittskarte, Jugendliche für die Hälfte.

Brandt Unser Anliegen ist es, auch zu anderen Zeiten das Bühnenhaus zu füllen. Wir sind der älteste und größte Verein, der in Wesel ehrenamtlich eine große Anzahl Konzerte klassischer Musik mit herausragenden Künstlern organisiert. Ich würde mir auch für die Künstler wünschen, dass sie mehr Zuspruch finden.

Wie entwickeln sich Ihre Besucherzahlen? Müssen Sie kämpfen?

Brandt Früher waren die Konzerte ausverkauft, das hat deutlich abgenommen. In den vergangenen Jahren ist die Tendenz eher gleichbleibend bis gering schlechter. Wir haben aber immer noch eine Anzahl von knapp 200 treuen Abonnenten, die Zahl der Einzelkartenverkäufe nimmt leicht zu.

Brützel Wir sind 50 Kilometer nördlich vom Ruhrgebiet. Die Leute sind in kurzer Zeit in Duisburg, Essen, Düsseldorf. Wir kämpfen hier schon sehr, wobei man sagen muss, dass das kulturelle Angebot für eine Stadt wie Wesel mit 60.000 Einwohnern enorm ist. Das sagen uns auch die Künstler, die Besucher von außen. Anerkannt ist unser Programm. Aber bei dem großen Parallelangebot ist es schwierig, zu bestehen.

Wie muss man das Programm ausrichten, damit auch junge Menschen kommen?

Brandt Wir versuchen das auch dieser Zielgruppe anzupassen. Klar, Jugendliche hören vorwiegend Pop, Schlager, Rock. Wir stehen für klassische Musik, das wird auch so bleiben, das ist unser satzungsgemäßer Auftrag und unser Anliegen. Aber die Jugendlichen sollen sich auch wiederfinden. Deshalb haben wir auch moderne Stücke im Programm, zum Beispiel Piazzolla. Im Januar kommt ein Streichquartett, das spielt in der ersten Hälfte Klassik, in der zweiten Hälfte Popmusik, teilweise Eigenkompositionen, zum Teil internationale Musik. Das ist ein Versuch, neue Zielgruppen zu erreichen. Ein weiterer Ansatz ist, dass die Musikschullehrer in der Pause oder nach dem Konzert mit ihren Kindern im Konzert den Künstler besuchen und mit ihm über seine Arbeit sprechen.

Also ist es nach Ihrer Ansicht eine zu große Hemmschwelle, die die Jugendlichen vom Zugang zur Klassik abhält?

Brandt Ja, daran glaube ich. Wir setzen zum Abbau dieser Hemmschwelle zum Beispiel bei den großen Konzerten neuerdings darauf, dass die oder der Musiker vor einem Konzert das Werk und den Komponisten erklären. Das ist wieder ein Versuch, den Zugang zu Klassik zu erleichtern. Man muss abwarten, wie sich das auswirkt.

Brützel Aber da müssen wir einen langen Atem haben.

Wie muss man Eintrittspreise gestalten, damit Kinder kommen?

Brandt Bei den Konzerten unseres Chores des Städtischen Musikvereins haben grundsätzlich alle Jugendlichen freien Eintritt. Bei den Bühnenhauskonzerten sind die Preise, wie gesagt, moderat. Und Jugendliche zahlen die Hälfte. Schüler der Musik- und Kunstschule zahlen keinen Eintritt, wenn sie sich vorher im Sekretariat der Schule melden. Ich denke, was den Preis betrifft, kommen wir den Zuhörern sehr entgegen.

Jungen Familien fehlt oft die Zeit, es gibt zu viele Konkurrenzangebote.

Brandt Wir versuchen auf deren Zeitfenster schon zu reagieren. Das mittlere Publikum ist die arbeitende Bevölkerung, die müssen am nächsten Tag wieder arbeiten. Deshalb legen wir unsere Konzerte häufig auf einen Freitag, fangen zum Beispiel beim Klaviersommer schon um 18 Uhr an, damit man zu einer vernünftigen Zeit ins Bett kommt. Das Gros der Konzerte beginnt aber immer noch um 20 Uhr.

Was kostet ein klassisches Konzert für Sie als Veranstalter?

Brandt Ich rechne Ihnen das mal vor: Ich hatte ein Angebot eines holländischen Kammerorchesters hier in der Nähe, das würde nur mal eben vorbeikommen, mit einer Solistin, die ein klassisches Konzert anbietet, dazu 25 Streicher. Was kostet so etwas? 28.000 Euro wurde für dieses Konzert gefordert. Vergünstigte Preise haben wir nur bei den Stammorchestern, bei den Duisburger Philharmonikern und der Neuen Philharmonie Westfalen. Die werden vom Land gefördert, dass sie in der Region auftreten. Dennoch liegt man da im fünfstelligen Bereich. Darüber hinaus müssen wir Werbung machen, Plakate drucken, Flyer entwerfen. Diese Kosten kommen obendrauf. Mit unseren Förder- und Finanzmitteln kann man vier Kammerkonzerte und drei Orchesterkonzerte bei gleichbleibender Qualität nur sehr knapp abdecken. Man kann sich ja ausrechnen: 250 Besucher mit jeweils 18 Euro Eintritt, der bei Abonnenten deutlich tiefer liegt - da weiß man, was an Gegeneinnahmen reinkommt. Aber wir kämpfen weiter dafür, gemeinsam mit der Stadt unser Angebot an klassischer Musik für Wesel aufrecht zu erhalten.

Der kühle Rechner würde sagen, dass man die Zahl der Konzerte reduzieren muss, wenn die Besucherzahlen nicht stimmen.

Brützel Die Senkung der Anzahl der Konzerte erhöht nicht zwangsweise die Zahl der Zuhörer im einzelnen Konzert. Der Anstieg der Besucherzahlen pro Konzert ist letztlich die einzige Art, die Einnahmenseite zu erhöhen. Und man darf die Sponsoren nicht vergessen. Die Niederrheinische Sparkasse und andere Sponsoren unterstützen uns. Aber es ist eine Frage der Zeit, wie lange wir uns das leisten können.

Brandt Natürlich, und der Verein muss jedes Jahr aus Mitgliedsbeiträgen und Zuwendungen so rechnen, dass hinten eine Null rauskommt und wir nicht in Gefahr geraten, Pleite zu gehen. Das ist das Ziel. Man darf unseren Verein aber nicht rein wirtschaftlich sehen, wir betreiben aus Überzeugung ehrenamtlich aktive Kulturförderung.

Einen anderen Zugang zu Klassik schafft man auch durch die Wahl des Ortes. Gibt es die Überlegung bei Ihnen, auch Konzerte an ungewöhnlichen Orten zu organisieren, am Rhein, in der Fußgängerzone?

Brützel Das ist ein schwieriges Thema. Wir machen die Reihen zusammen mit der Stadt, der gehört das Bühnenhaus. Wenn ich mal nach Essen in die Philharmonie fahre, dann sehe ich da auch Weseler im Publikum. Das Bühnenhaus hat in Wesel leider keinen guten Ruf. Aber die Künstler kommen gerne nach Wesel, auch wenn sie die Akustik des Bühnenhauses für verbesserungsfähig halten. Der Vorteil für Weseler am Bühnenhaus ist: Die Qualität der Konzerte ist hervorragend, sie fahren nur zehn Minuten, sie haben einen kostenfreien Parkplatz, sie zahlen weniger. Dabei spielen hier international gefragte Ensembles. Das sind alles sehr gute Argumente, um mal ein klassisches Konzert in Wesel zu besuchen. Und generell halten wir natürlich auch mal nach anderen Spielorten Ausschau.

SEBASTIAN PETERS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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