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Wesel
Ein Glacis ist das Gegenteil von Wald

Wesel. Über den leichtfertigen Umgang mit einem Begriff aus dem Festungsbau. Von Fritz Schubert

Westglacis, Nordglacis, Ostglacis, Lippeglacis: Wesels Stadtkern wird von diesen Straßen umrandet. Auch ein Rheinglacis gab es mal. Jeder verbindet damit zunächst einmal die beliebten Grünanlagen. Das ist auch okay, weil die so benannten Ortslagen welche sind. Vollkommen daneben ist es aber, jede innerstädtische Fläche mit einer Handvoll Bäumen als Glacis zu bezeichnen, wie es manche tun. Da gibt es engagierte Menschen aus dem Stadtteil Schepersfeld, die den schönen Grünzug von der Schermbecker Landstraße zur Blücherstraße für ein Glacis halten. Auch in offiziellen Mitteilungen taucht zuweilen der Begriff in Verbindung mit Grünanlagen auf, zum Beispiel mit jenem schmalen Wäldchen, das sich von der Nordstraße zum Holzweg zieht. Mit einem Glacis haben beide nichts zu tun, denn das ist genau das Gegenteil von Wald.

Glacis [gla'si:] ist ein französischer Begriff aus dem Festungsbau, kann als Abhang übersetzt werden und meint eine von der Feldseite her leicht ansteigende Anschüttung vor dem Graben. Die Fläche war peinlich von nahezu jeglichem Bewuchs freizuhalten, um freies Schussfeld mit freier Sicht auf Angreifer zu haben. Als die Stadt dem Staat 1890 das einschnürende Festungsgelände für Erweiterungen Wesels abkaufen konnte, wurden die Glacisanlagen bepflanzt und zu öffentlichen Grünanlagen umfunktioniert. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde alles wieder abgehackt und aus Verteidigungsgründen auch über den Abriss der Rheinvorstadt nachgedacht.

Mit der Zeit schleicht sich so manches ein. Doch sollten Weseler beim Glacis (auf Platt: Glasemei) sich der Ursprünge bewusster sein. Sie erzählen viel mehr Stadtgeschichte, als hier möglich ist.

Quelle: RP
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