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Niederrhein
Ein halbes Jahrhundert für die Kinder

Niederrhein. 50 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Bedburg-Hau: Heute präsentiert sich die Klinik für die Kreise Kleve und Wesel als engmaschig vernetzte Einrichtung. In einer Serie stellt die RP die Arbeit der Stationen vor. Von Matthias Grass

Fünf Jahre hat Sabine Boothe die junge Charlotte (Name von der Redaktion geändert) begleitet. Fünf Jahre hat sie sich intensiv um die junge Frau gekümmert, die als Pubertierende mit Essstörungen in die Klinik kam, die Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl hatte. Es waren fünf Jahre, die sich gelohnt haben: Charlotte schloss ihre Ausbildung mit Bestnoten ab. Sie kann wieder ganz normal essen, hat kein Untergewicht mehr. Vor allem: Charlotte kann sich selbst wieder leiden. "Es läuft gut", sagt Boothe, die immer noch Kontakt mit der Frau hat, die bald volljährig wird.

Sabine Boothe ist Fachkrankenschwester an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik Bedburg-Hau, betreut junge Menschen, die auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden ins Trudeln geraten sind, die mit sich und ihrer Welt nicht mehr klar kommen, die gemobbt werden oder Angstzustände haben. Und das ist nur eine Auswahl all der Probleme von Kindern- und Jugendlichen aus den Kreisen Kleve und Wesel, für die die Mitarbeiter der Ambulanzen, Stationen und Tageskliniken in Bedburg-Hau, Geldern und Moers der Kinder- und Jugendpsychiatrie seit 50 Jahren eine Lösung suchen. 1966 wurde die Einrichtung in den alten Häusern der Klinik eröffnet. Heute präsentiert sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie als moderne, eng vernetzte Klinik mit 30 Betten, 18 Tagesklinikplätzen, die von 60 Pflegern, Ärzten, Psychologen, Erziehern und Therapeuten betreut werden. Allen ist eins gemein: Sie sind Spezialisten, die sich mit den kleinen und heranwachsenden Menschen auskennen. Denn jeder Patient soll ein Spezialteam bekommen, das sich mit seinem besonderen Fall auseinandersetzen kann. Seien es Essstörungen wie bei Charlotte, sei es das Mobbing in der Schule oder seien es erste Probleme mit Drogen.

Dreh- und Angelpunkt ist die Ambulanz. Hier wird in ersten Gesprächen geklärt, wie es weiter geht, erklärt Amir Djawadi, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und - psychotherapie. In ersten Gesprächen mit Arzt und Psychologen werde geklärt, welche Therapie ratsam ist, welche Erwartungen der Patient an die Behandlung hat. "Wir arbeiten dabei systemisch - die Eltern, die ganze Familie sollte in die Behandlung eingebunden sein", sagt Djawadi. Vor allem bei Notfällen muss noch am Aufnahmetag entschieden werden: "Bleibt der Patient stationär hier oder können wir ihn ambulant behandeln", sagt Djawadi. Liegt ein Notfall mit hoher Aggressivität gegen sich selbst (Selbstmordgefahr) oder andere vor, bliebt der Patient auf der Station.

In der Regel kommen die Patienten mit großem Leidensdruck in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, waren zuvor beim Haus- oder Kinder- und Jugendarzt und wurden an die Klinik überwiesen. Das Angebot für die Patienten reicht dann, wenn die Diagnose steht, von Einzelgesprächen bis zu speziellen Therapie-Gruppen, die sich gezielt mit verschiedenen Problemen auseinandersetzen. "Wenn ich ein Problem wie Mobbing habe, kann man das nur bedingt in Einzelgesprächen lösen, dann braucht man die Gruppe", sagt Djawadi. Für den Kontakt mit Patient und Familie fährt Sabine Boothe raus, trifft die Familienmitglieder, die nicht unbedingt in der Klinik dabei sind, Väter, die Geschwister, sieht die Lebensumstände. "Oft ist in der vertrauten Umgebung auch ein Gespräch einfacher, offener", sagt die Fachkrankenschwester.

"Wir können besser helfen, bevor sich eine Krankheit verfestigt", sagt der Djawadi. Er rät, rechtzeitig Kontakt zu einer der drei Ambulanzen in Moers, Geldern oder Bedburg-Hau zu suchen, wenn es Stress in der Schule gibt, wenn der Nachwuchs oft unkonzentriert, unruhig und leicht ablenkbar erscheint. Wenn er ein Trauma erlebt hat und darunter leidet. Auch wenn Kinder und Jugendliche ihren Mitmenschen häufig aggressiv begegnen. Oder wenn sie über körperliche Beschwerden klagen, ohne dass organische Ursachen gefunden werden. Wenn sie häufig traurig sind, sich zurückziehen. Wenn sie unter Zwangsgedanken leiden. Essprobleme haben. Selbstverletzungen und Selbstmord-Gedanken sind natürlich Alarmzeichen. Die Therapie wird individuell und am Krankheitsbild und der Symptomatik des einzelnen Patienten orientiert und mit der Familie abgestimmt, sagt Djawadi. Die Mitarbeiter stehen bereit, sind per SMS oder Mail für den Patienten immer zu erreichen. Auch, wenn die Behandlung länger dauert - wie bei Charlotte, die jetzt wieder in Richtung normales Leben steuert.

Quelle: RP
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