| 00.00 Uhr

Wesel/Hamminkeln
Ein Panzergeschoss jagt durch das Haus

Wesel/Hamminkeln: Ein Panzergeschoss jagt durch das Haus
Zeitzeugin Ilse Jacobs hat in sauberer Handschrift die wesentlichen Geschehnisse des Jahres 1945 festgehalten. Ihr Kernthema war die Luftlandung. FOTO: Schubert
Wesel/Hamminkeln. Zum 72. Mal jähren sich am 23./24. März der Rheinübergang und die Luftlandung der Alliierten. Zum Gedenken der Gefallenen kommen wieder US-Amerikaner und Briten nach Hamminkeln. Ein Tagebuch-Fund erinnert ans Geschehen. Von Fritz Schubert

Berichte von Zeitzeugen sind immer etwas ganz Besonderes. Zum Glück haben viele Menschen aus der Region, meist zu runden Jahrestagen wie der 50. Wiederkehr der Zerstörung Wesels, ihre Erinnerungen wiedergeben und für die Nachwelt sichern lassen. Diese Berichte unterscheiden sich durch die persönliche Sicht der unmittelbar Betroffenen schrecklicher Ereignisse deutlich von den eher nüchternen Betrachtungen der Historiker oder Verwaltungsbeamten. Heute, 72 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, hat die Zahl der Zeitzeugen naturgemäß stark abgenommen. Aber immer wieder werden in privaten Nachlässen noch Dokumente und Erinnerungsstücke entdeckt. Manchmal auch Tagebücher. Christel Jacobs, Witwe von Paul Jacobs, hat ein solches gefunden. Geschrieben hat es Ilse Jacobs, die erste Frau ihres Mannes.

Bei der Operation "Varsity" zwischen Wesel, Hamminkeln und Mehrhoog der Alliierten kam es auch zu etlichen Bruchlandungen der Lastensegler. FOTO: Malz Ekkehart

Es ist kein Tagebuch im üblichen Sinne. Auf vergleichsweise wenigen Seiten werden in sauberer Handschrift die zwei wesentlichen Geschehnisse des Jahres 1945 wiedergegeben. Dem Anschein nach ist dies nicht unter dem direkten Eindruck des Erlebten geschehen, sondern später, mit Abstand. Es beginnt mit dem Kapitel "Das Bombardement Wesels. Freitag, den 16.2.45". Den größten Raum aber nehmen die Tage vom 23. bis 29. März ein. Das ist der Abschnitt vom Artilleriebeschuss, mit dem die Alliierten die Rheinüberquerung und die Luftlandung vorbereiteten, bis zur ersten englischen Einquartierung.

Das lag wohl daran, dass Ilse Jacobs' Familie schon am 16. Februar, dem ersten großen Angriffstag auf Wesel, am Entenmarkt ausgebombt worden und nach Mehrhoog geflohen war. Das Trommelfeuer, mit dem die Alliierten die rechte Rheinseite eindeckten, trieb deutsche Zivilisten und Soldaten in die Keller. Ilse Jacobs beschreibt am Ende, dass sie "drei Tage und vier Nächte, insgesamt 85 Stunden mit nur minutenweiser Unterbrechung im Keller zugebracht hatten". Besagten Unterbrechungen widmete sie sich besonders. Zum Beispiel für den Samstag, 24. März: "Kurz vor 10 Uhr verstummte plötzlich das Ari-Feuer, stattdessen vernahmen wir ein unheimliches Brausen in der Luft, das plötzlich begann, aber auch ebenso schnell wieder aufhörte, sich aber noch oft wiederholte. Durch dieses ungewohnte Geräusch erschreckt, liefen die Soldaten zur Türe, um zu sehen, was wir denn nun wieder Neues erleben mussten. Mit dem Ruf: ,Feindliche Fallschirmabsprünge!' kehrten sie zurück, holten ihre Ausrüstung und stürmten nach draußen. Nun hielt es uns auch nicht mehr länger im Keller. Was sich jetzt unseren Augen darbot, war ein einzigartiges Schauspiel. Kaum höher als die Häuser flogen Schwärme von feindlichen Flugzeugen über uns hinweg. Teilweise setzten sie Lastensegler ab; ca. 50 m von unserem Haus kamen 4 Stück herunter, in der näheren und weiteren Umgebung aber landete eine große Anzahl." ... "Es fielen in allen Richtungen Gewehr- und Maschinengewehrschüsse." ... "Als wir aber einmal die Vorsicht außer Acht ließen und mit mehreren am Fenster standen, um zum ersten Male feindliche Soldaten im Kampf in der Nähe zu sehen, sausten fünf Gewehrschüsse an unseren Köpfen vorbei." ... "Die Siedlung, in der wir wohnten, lag gerade im Mittelpunkt der Kämpfe." Für Sonntag, 25. März, notiert Jacobs: "Da tauchten gegen 8 Uhr am Waldrand die ersten Panzer auf. Nun begann für uns das Rätselraten: ,Sind das nun englische oder deutsche?" ... "Ein Panzergeschoss traf das Haus, in dem wir Zuflucht gesucht hatten, und durchschlug sämtliche Wände, um an der anderen Außenseite wieder herauszujagen.!" ... "Man meinte, die Luft bliebe einem aus, so legte sich der Dreck und der Gesteinsstaub auf die Lungen. Die Kinder begannen zu weinen und zu rufen. Es waren furchtbar aufregende Minuten." Zur Einquartierung für Donnerstag, 29. März, hält Jacobs fest, dass ein Leutnant Thomas Baker aus Newcastle und sein Sergeant das schlechte Benehmen einiger ihrer Leute "durch doppelte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wieder wett zu machen" versuchten. "Das größte Ereignis hierbei war für mich, dass es nach langer Zeit mal wieder Schokolade in guter englischer Qualität und gefüllte Bonbons in großer Menge gab. Die Männer erhielten sehr viel Zigaretten von bekannter englischer Güte."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Wesel/Hamminkeln: Ein Panzergeschoss jagt durch das Haus


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.