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Wesel
Ein Raumkonzept für Augen und Ohren

Wesel: Ein Raumkonzept für Augen und Ohren
Die Formen der Fenster, die Gestaltung der Decke, die Beleuchtung und die gesamte Raumkonzeption der Kapelle wurden 1997 erneuert. FOTO: Malz
Wesel. Die Kapelle im Marien-Hospital, die verlegt werden soll, blickt auf eine lange Historie zurück. - Ein Gastbeitrag des Diplom-Theologen Tobias Schrörs

Oft ist es hilfreich, sollten weitgehende Entscheidungen betreffs eines Bauwerks oder Gegenstands getroffen werden, zu wissen, was man hat. Zwar wurde in einem kürzlich erschienenen Artikel in der RP vonseiten des Direktors des Marien-Hospitals Wesel (MHW) bekundet, dass er beabsichtige, die bestehende Einrichtung weitestgehend in die neue Kapelle zu übernehmen, jedoch weise ich nochmals darauf hin, dass Architektur und Einrichtung ein künstlerisch wertvolles Gesamtkonzept bilden. Ferner kann die Kapelle an alter Stelle auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken.

Zur Geschichte der Kapelle

Schon mit dem Bezug des MHW durch die Clemensschwestern und kurz darauf durch die ersten Kranken 1858 wird es eine Kapelle gegeben haben. Aus der Zeit vor den Kriegszerstörungen ist eine Aufnahme der Kapelle erhalten. Auch sie lag gemäß der Kirchenbauinstruktion des heiligen Carl Borromäus im Obergeschoss, da sich über dem Altar keine bewohnten Räume befinden durften. Sie war ebenfalls ein großzügiger Raum und war im neugotischen Stil gehalten. Spitzbogige Maßwerkfenster, ein spitzbogiges Holztonnengewölbe sowie ein prächtiges neugotisches Altarretabel verbreiteten eine sakrale Atmosphäre. Die Seitenaltäre wurden durch Figuren des allerheiligsten Herzens Jesu und der Gottesmutter als Immakulata geschmückt. Ob diese Kapelle auf den Kirchenbaumeister Caspar Clemens Pickel, von dem auch die alte Himmelfahrtkirche stammt und der an Baumaßnahmen am MHW beteiligt war, errichtet wurde, wäre zu prüfen.

Nachdem die alte Kapelle mit großen Teilen des Krankenhauses im Februar und März 1945 zerstört worden war, begann man 1946 mit der Enttrümmerung und dem Wiederaufbau. Am Christ-Königsfest 1952 konnte die Kapelle eingeweiht werden. Architekt Merl hatte einen großzügigen Kirchenraum geschaffen, der sich über nahezu zwei Geschosse zog. Ähnlich wie bei der von ihm errichteten Herz-Jesu-Kirche wählte er Rundbogenfenster, die er jedoch tiefer als in Herz Jesu hinunter zog. So erhielt der Raum, der nur von einer Seite beleuchtet werden konnte, genügend Tageslicht. Eine Balkendecke schloss ähnlich wie in Herz-Jesu den Raum nach oben hin ab. Auf einer Empore, dem "Chörchen", konnten auch Patienten der darüberliegenden Station dem Gottesdienst beiwohnen. 1972 erhielt die Kirche im Zuge des zweiten Vatikanischen Konzils einen neuen Altar, der die Zelebration versus populo (zum Volke hin) ermöglichte. Das heute noch vorhandene Kreuz schmückte diesen Kirchenraum neben einem schlichten Tabernakel auf einem Sandsteinsockel und bronzenen Kerzenleuchtern. Dunkel gebeizte Bänke waren in zwei Reihen auf den Altar ausgerichtet (Wegekirche). Die Bleiverglasung der Fenster war in Blau- und Gelbtönen gehalten und zeigte Engel, sie ähnelte den seitlichen Chorfenstern von St. Antonius Obrighoven.

Unter Pater Kreienbaum wurde diese Kapelle Ende der 1970er Jahre nochmals umgestaltet. Sie erhielt einen runden Altar mit Edelholzplatte von dem Münsteraner Künstler Hubert Teschlade, einen Ambo von Egino Weinert sowie einen neuen Tabernakel, welcher die Form eines Engels hatte und die wunderbare Brotvermehrung zeigte. Alle liturgischen Einrichtungsgegenstände waren aus Bronze gefertigt. Als Orgel diente eine elektronische Orgel der Firma Ahlborn in Dransfeld, die vorne links aufgestellt war. Ein grüner Teppichboden und gepolsterte Armlehnstühle auf einer Seite des Kirchenschiffes sollten eine behagliche Atmosphäre schaffen, was aber dem Charakter als liturgischem Raum abträglich war.

1997 wurde die Kapelle grundlegend durch den Aachener Architekten Ulrich Hahn umgebaut und neu gestaltet. Aus der alten Kapelle wurden lediglich das beeindruckende Kruzifix sowie die Madonna von Hans Dinnendahl übernommen. Neue Einrichtungsgegenstände aus Naturstein und Edelstahl bilden nun mit der Architektur ein stimmiges Bild.

Auch die Formen der Fenster, die Gestaltung der Decke, die Beleuchtung und die gesamte Raumkonzeption wurden erneuert. Nun sind die neu angefertigten Bänke in drei Blöcken um den Altar gruppiert (Circumstantes-Modell). Die Fenster sind größer gebrochen worden und haben eine helle ornamentale Verglasung.

Wer ist der Architekt?

Ulrich Hahn, 1955 in Hamm (Westfalen) geboren, studierte ab 1976 Architektur an der TU Berlin, der RWTH Aachen, der Kunstakademie in Düsseldorf und in Halifax, Nova Scotia, Kanada. Ab 1986 war er wissenschaftlicher Angestellter am Lehrstuhl für Plastik der RWTH Aachen und beschäftigte sich seit dieser Zeit freiberuflich mit Projekten im Bereich Architektur und Plastik. 1989 erhielt Ulrich Hahn ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Nach Gründung der Bürogemeinschaft mit Günter Helten war er von 1994 bis 2006 Dozent an der Academie van Bouwkunst in Maastricht, Niederlande. Zudem war er Mitglied des Architektenbeirats der Stadt Aachen. Ulrich Hahn ist seit 2000 Professor für Entwerfen und Darstellende Geometrie an der FH Aachen. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Hahn Helten und Assoziierte Architekten GmbH. Zahlreiche Kirchenum- und Neubauten wurden von Hahn und seinem Team durchgeführt. Als hervorragende Bauten sei zu nennen die Umgestaltung des Domes St. Barholomäus, Frankfurt, des Domes St. Martinus Rothenburg, der Klosterkirche St. Joseph Gerleve und der Zelebrationsaltar der Klosterkirche zu Marienthal. Auch die Orgel ist von ihrer Disposition auf den großzügigen Kirchenraum abgestimmt, sie in einem kleineren Raum aufzustellen und zu spielen ist, als würde man ein voll besetztes Symphonieorchester statt im Bühnenhaus im Lutherhaus auftreten lassen.

Doch nun zu der Orgel: Sie stammt von der Orgelbaufirma Franz Breil in Dorsten. Die Orgelbauwerkstätten Franz Breil wurden 1836 von Josef Anton Breil gegründet. Er erlernte seinen Beruf bei Fabricius in Grevenbroich, war dann Schüler von Joseph Seyberth in Wien und verbrachte Gesellenjahre in Paris, London und Berlin. Ein Bruder, Johann Anton Breil, geboren am 9. Januar 1821 in Dorsten, errichtete 1848 eine eigene Werkstatt in Regensburg. Franz Johannes Breil (1828-1903), der Neffe des Gründers, führte die Werkstatt in Dorsten fort, die vor der Jahrhundertwende vom Bau mechanischer Schleifladenorgeln zum Bau pneumatisch gesteuerter Kegelladenorgeln überging. Sein Sohn Franz Josef Breil (1865-1929) führte 1925 die elektrische Traktur ein. Unter dessen Sohn Franz Breil (1903-1985) wurde 1948 - wegweisend für den westdeutschen Raum - der Schleifladenbau mit mechanischer Traktur wieder aufgenommen. Heute setzt Sohn Franz Ludger Breil die Tradition fort. Von der Firma Breil stammen zahlreiche Orgeln am Niederrhein und in Westfalen. In Wesel besitzt Herz-Jesu eine Breil-Orgel mit elektropneumatischer Traktur (von Seifert restauriert), zudem St. Martini, St. Mariä Himmelfahrt und das Marien-Hospital.

Quelle: RP
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