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Wesel
Ein Spaziergang durch die Rheinvorstadt

Ein Spaziergang durch die Rheinvorstadt
Ein Spaziergang durch die Rheinvorstadt FOTO: Staw
Wesel. Bernd von Blomberg hat sich wieder einmal durch die Archive gewühlt. In einem neuen Band berichtet er über das Thema, das er in Stadtführungen schon Vielen nahe gebracht hat: Wesels Hafen und die dortigen Gebäude bis 1945. Von Fritz Schubert

Die Geschichte von Diersfordt, Flüren und Bislich hat ihn viele Jahre beschäftigt, auch mit Alt-Büderich und seiner Zerstörung hat Bernd von Blomberg sich auseinandergesetzt. Nun bringt er immer mehr Vernachlässigtes aus Wesels städtischer Historie ans Tageslicht. Frisch vorgelegt hat der 82-Jährige den Band "Wesels Rheinvorstadt vor der Zerstörung 1945" in Heft 20 der Reihe Mitteilungen aus dem Schlossarchiv Diersfordt und vom Niederrhein. Eine wahre Fülle von Abbildungen, Plänen, Karten und Fotos lassen eine Gegend wiederauferstehen, die wesentlich zur Geschichte der Hanse-, Festungs- und Kaufmannsstadt beigetragen hat, aber bisher nur wenig Aufmerksamkeit genoss. Eineinhalb Jahre war von Blomberg in den Archiven auf Spurensuche. Herausgekommen ist ein ganz besonderer Spaziergang durch die Rheinvorstadt.

"Es ist eine außergewöhnliche, bisher unbearbeitete Stelle: außerhalb, aber im Zwang der Festung", erklärt Bernd von Blomberg den Reiz an der Arbeit. Die führte wegen des ungeheuer reichhaltigen Materials des Stadtarchivs zu einem Ergebnis, das er teilen musste. So ist sein Band, der Gebäude an der ehemaligen Venloers Straße und weiter bis zum Lippehäuschen umfasst, Teil eins des Gesamtwerks. Teil zwei mit Hafen- und Werftstraße fehlt noch. Für jedes Haus - und das sind einige - gibt es ab 1875 Bauakten. Hört sich staubtrocken an, ist es aber nicht.

Beispiel Ziegler: Zimmermeister Heinrich Ziegler muss ein Genie in Holzkonstruktionen teils riesigen Ausmaßes gewesen sein. Weit über Wesel hinaus und mit einem Gelände als Basis, das wegen etlicher Auflagen im Festungsareal eigentlich ungeeignet war. 1888/1890 gelang Ziegler die Übernahme im Zuge der Entfestigung. Nach 200 Jahren konnte sich Wesel zum ersten Mal über den mittelalterlichen Stadtkern hinaus ausdehnen. Militärisch begründete Fesseln blieben über den Ersten Weltkrieg hinaus, aber Bauunternehmer Ziegler fand immer wieder Wege, sich damit zu arrangieren. Beispiele seiner Großbauten lassen staunen: Zuschauertribüne fürs Kaisermanöver 1897 bei Urmitz, Holzbauten für 100 Meter hohe Kirchtürme, Brücken, die komplette psychiatrische Klinik Bedburg-Hau mit rund 100 Gebäuden samt Fenstern, Türen und Holzfußböden.

Große wie Ziegler, Hülskens, Kampen oder de Haas sind in der Rheinvorstadt ebenso zuhause wie viele Kleine. Fischer, Schiffer, Schiffszimmerleute, Ankerschmiede, Holzhändler, Wasserbauer, Handwerker aller Art und natürlich auch einige Wirte. Eine Ankerschmiede mit Gastwirtschaft betrieb Albert Heintzen. Auch der Sport spielt eine Rolle. Segler gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg, doch erst 1937 wurde der Weseler Segler-Klub (heute als Yacht-Club Wesel am Sporthafen beheimatet) gegründet. Vereinslokal war Heintzens Schänke Zum Anker. Schwimmvereine gibt es und die Rudergesellschaft Wesel 1907 (heute Ruder- und Tennisgesellschaft am Sporthafen), die nach und nach wächst, 1930 ein außergewöhnlich vornehmes Bootshaus einweiht, dessen Reste erst vor Kurzem abgerissen worden sind.

Bernd von Blomberg hat sich in dem Band nicht nur der Rheinvorstadt gewidmet. Enthalten ist auch ein Beitrag über die Jugendherbergen in Wesel. Die erste gab es 1914 im Stadthaus neben der Mathenakirche (heute Kaufhof). 1923 folgte als Ersatz eine in der ehemaligen Kindermilchanstalt am Rheinglacis. Die Kirchen boten alsbald ebenfalls jungen Wanderern ein Dach über dem Kopf. Die evangelische im Vereinshaus an der Feldstraße (heute Pastor-Janßen-Straße), die katholische an der Esplanade im ehemals militärischen Zeughaus III. In der NS-Zeit diente zunächst das Heim der Freimaurerloge am Entenmarkt, dann das Offiziersgefängnis der Zitadelle als Jugendherberge. Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten die Falken (Sozialistische Jugend) für den Bau eines "Hauses der Jugend" am Lippehafen. Es steht noch und ist als Otto-Vorberg-Haus des Kanuverbandes bekannt. Seine Zukunft ist ungewiss. Bernd von Blomberg wirbt für den Erhalt des gastlichen Platzes in traumhaft idyllischer Lage, zieht Parallelen zu den früheren Lokalen Zur Rose in Bislich und Zur Bärenschleuse in Obrigoven.

Quelle: RP
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