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Niederrhein
Eine Hand voll Känguru im Duisburger Zoo

Niederrhein. Das Kängurumädchen Lucy hat vor zweieinhalb Wochen seine Mutter verloren. Tierpflegerin Anna-Lena Hohmann zieht das Jungtier im Duisburger Zoo mit der Flasche auf, in einem gehäkelten Stickbeutel. Von Franziska Hein

Dunkle Knopfaugen mit schwarzen Wimpern und spitze Öhrchen - Lucy schaut vorsichtig aus dem Häkelbeutel hervor, den ihre Ersatzmama Anna-Lena Hohmann gemacht hat. Sie mustert die vielen Kameras und Fotoapparate, die auf sie gerichtet sind. Der Presserummel ist entstanden, weil sich statt der Kängurumutter nun die Tierpflegerin um das kleine Bürstenschwanzkänguru kümmern muss. Die Mutter ist tot.

Tierpflegerin Hohmann holt Lucy aus dem Beutel und setzt sie sich auf die Hand. Jetzt sieht man die langen Hinterläufe und den buschigen Schwanz. Nun kann Lucy nicht mehr mit einer Maus verwechselt werden. Die Mutter des dreieinhalb Monate alten Bürstenschwanzkängurus ist am vorvergangenen Sonntag gestorben. Seither trägt Hohmann Lucy immer an ihrem Herzen, in dem blauen Häkelbeutel direkt auf der Haut. Das sei wichtig, weil Beuteltiere immer den Herzschlag der Mutter spüren müssten.

"Als ich morgens in das Gehege kam, saß Lucy in der Futterschale", erzählt die 29-jährige Tierpflegerin. "Ich dachte erst, dass sie tot ist, weil sie sich überhaupt nicht mehr bewegt hat." Hohmann nahm das Kängurubaby in ihre Hände, um es zu wärmen, wickelte es anschließend in ein Handtuch und legte es auf die Heizung. Dann sah sie nach dem Muttertier, das tot war.

Den Grund kennen die Tierpfleger noch nicht. Der Zoo hat das tote Tier in die Pathologie geschickt, um die Todesursache zu ermitteln. Die Ergebnisse lagen bis gestern noch nicht vor. Die Tierpfleger vermuten, dass die Mutter ihr Kind abgeworfen hat, weil sie gemerkt hat, dass sie schwächer wurde. "Beuteltiere stellen ihr Leben immer über das ihrer Kinder", sagt Hohmann. Weil Lucy schon so alt war, dass sie auch schon mal außerhalb des Beutels umhergehüpft ist, konnte sie sich in die Futterschale retten.

Trotzdem sind das einige Strapazen für das kleine Tier. Das Kängurubaby war dehydriert, vielleicht hat die Mutter schon in den Tagen vor ihrem Tod weniger Milch gegeben. "Die ersten drei Tagen stand Lucy auf der Kippe", sagt die Tierpflegerin. Am vierten Tag hat sie angefangen zu fressen, seitdem geht es ihr besser. Sie wiegt nun 180 Gramm.

Aber selbst die ausgewachsenen Bürstenschwanzkängurus wiegen nur etwa ein einhalb Kilogramm. Sie können aber bis zu zehn Jahre alt werden, Lucys Mutter war sechs Jahre alt. Die Bürstenschwanzkängurus sind die kleinsten ihrer Art und stehen auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Ihr natürlicher Lebensraum ist Australien.

"Die meisten Zoobesucher haben die Bürstenschwanzkängurus wahrscheinlich noch nie gesehen", sagt Hohmann. Denn es sind dämmerungs- und nachtaktive Tiere, die tagsüber gerne in ihren Heunestern liegen. Auch deswegen ist die Aufzucht für Hohmann anstrengend: Nicht nur, dass Lucy alle zwei bis drei Stunden gefüttert werden möchte, sie ist auch nachts wach.

Die Tierpflegerin nimmt Lucy mit nach Hause, wenn sie Feierabend hat. Sie schlafe sogar nachts mit ihr auf der Couch, damit ihr Lebenspartner seine Ruhe habe. "Ich lege Lucy nur ab, wenn ich dusche, dann hänge ich sie an die Heizung." Im Moment füttert Hohmann Lucy noch mit einer speziellen Beuteltiermilch zu, ansonsten mag das Kängurubaby Pilze, Möhren und Süßkartoffeln, aber alles nur in winzig kleinen Portionen. In zwei bis drei Wochen, wenn Lucy selbstständig essen und trinken kann, darf sie zu ihren Artgenossen ins Gehege. Doch auf Dauer wird sie wohl nicht im Zoo bleiben: Sie wird wohl als Zuchttier in einem anderen Zoo leben.

Quelle: RP
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