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Schermbeck
Erinnerungen an die jüdische Gemeinde

Schermbeck. Einst hatte Schermbeck eine jüdische Gemeinde. An diese und ihren Friedhof erinnert nun eine neue Broschüre.

Nicht alle Schermbecker Bürger wissen, dass es in ihrem Heimatort eine jüdische Gemeinde gegeben hat und dass zu dieser Gemeinde auch ein Friedhof gehörte. Zwar haben die Studentin Andrea Kammeier und Pfarrer Wolfgang Bornebusch bereits in den frühen 80er-Jahren ihre Forschungen zum jüdischen Leben in Schermbeck in drei Aufsätzen veröffentlicht, danach wurde es aber wieder ruhig. Glücklicherweise haben beide Forscher ihre Sammlungen aufbewahrt, sodass ein Grundstock vorhanden war, als das in Dorsten ansässige Jüdische Museum Westfalen beschloss, einen kleinen Leitfaden zum jüdischen Friedhof in Schermbeck erstellen zu lassen.

Zwei Jahre lang haben die freiberufliche Historikerin Andrea Kammeier-Nebel und Walter Schiffer als freier Mitarbeiter des Jüdischen Museums Westfalen in mehreren Archiven recherchiert. Die Ergebnisse wurden in einer 90-seitigen Broschüre zusammengefasst, die dank der finanziellen Unterstützung der Volksbank Schermbeck und der Ton-Stiftung Nottenkämper gedruckt werden konnte. Sie ist ab sofort zum Preis von fünf Euro im Jüdischen Museum, im Geschäft "Buch & Kunst" auf der Mittelstraße und in der Volksbank Schermbeck erworben werden kann.

Am Donnerstag wurde die Broschüre "Der Jüdische Friedhof in Schermbeck. Ein kleiner Leitfaden" in der ehemaligen reformierten Kirche von Redakteurin Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel und Autorin Andrea Kammeier-Nebel den 30 Besuchern vorgestellt.

Der Friedhof befindet sich, beschattet von mächtigen Buchen und Eichen, in der Gartenstraße an der höchsten Stelle auf dem Bösenberg, nicht weit vom oberen Mühlenteich entfernt. Es ist einer von elf jüdischen Friedhöfen im Kreis Wesel. Der erste Nachwies für eine jüdische Bestattung in Schermbeck stammt aus dem 17. Jahrhundert, der älteste von insgesamt 31 Grabsteinen aus dem Jahre 1801. Hinzu kommen in der Nähe des Eingangs zwei Gedenksteine, die an jene jüdischen Bürger Schermbecks erinnern, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft deportiert und ermordet wurden.

Die auf dem Friedhof beerdigten Juden gehörten der jüdischen Gemeinde an, deren Anfänge nicht bekannt sind. Eine Notiz im Kirchenbuch der lutherischen Kirchengemeinde belegt, dass am 30. August 1678 das Kind des Juden Isaac auf "dem bösen bergh" beerdigt wurde. Der erste Friedhof wurde um ein Grundstück vergrößert, das die jüdische Gemeinde im Jahre 1905 erwarb. Die letzte Bestattung fand im Jahre 1941 statt. Keiner der Überlebenden der jüdischen Gemeinde kehrte 1945 nach Schermbeck zurück. Am 8. Februar 2007 wurde der Friedhof in die gemeindliche Denkmalliste eingetragen.

Ausführlich beschreiben die Autoren das Leben der jüdischen Familien Moses, Mathias, Benjamin, Anschel, Schönbach und Marchand, Hoffmann, Sternberg und Adelsheimer, bevor sie sich den unverheirateten Juden widmen. Die Berichte über die Familien und Einzelpersonen wurden illustriert und zeigen die Personen ebenso wie ihre Wohnstätten und belegen, dass die Juden vor der Nazizeit fest ins gemeindliche Nachbarschafts- und Vereinsleben eingebunden waren.

Zwei Grabsteine für den Lehrer Jakob Leffmann und den Schüler Meir ben Uri erinnern daran, dass es in Schermbeck eine jüdische Schule gab. Nachweisbar ist diese Schule für die Jahre 1852 bis 1889. In der Anfangszeit besuchten die jüdischen Kinder die evangelische Schule des Ortes. Religionsunterricht wurde durch jüdische Privatlehrer erteilt. Im Herbst 1889 fasste die jüdische Gemeinde den Entschluss, die Schule zu schließen und die Kinder wieder in der evangelischen Volksschule unterrichten zu lassen.

Die Gräber der aufgelisteten Verstorbenen werden in einem separaten Lageplan ausgewiesen. Für sieben Grabsteine sind die Inschriften übersetzt worden. Die weiteren Übersetzungen wurden bereits 2006 vom Essener Steinheim-Institut erledigt und sind auf dessen Homepage einsehbar.

Im Anhang findet der Leser eine Auflistung der Häuser der jüdischen Familien sowie deren Lagekennzeichnung auf einer Katasterkarte des Jahres 1836. Auf fünf Seiten befinden sich Hinweise auf die verwendeten Archivalien und Bücher oder auf weiterführende Literatur.

(hs)
 
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