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Wesel
Freude im Archiv über kostbare Bibel

Wesel. Großzügiger Spender überlässt Stadt eine Heilige Schrift, die aus den Massenauflagen des Weltbestsellers herausragt. Von Fritz Schubert

Nicht selten werden dem Stadtarchiv Wesel Nachlässe zur Übernahme in seine Bestände angeboten. Nicht alle nimmt es. Auch gibt es sogenannte Vorlässe, also die vorweggenommene Übereignung von Dingen noch zu Lebzeiten des Gebers. Ein solcher Fall löste beim Archivleiter Dr. Martin Wilhelm Roelen und seinem Team nun echte Freude aus, handelt es sich doch um ein ganz besonderes Stück: eine 1788 von Johann Andreas Endter in Nürnberg verlegte Lutherbibel. Ihre Ausstattung und ihre Verfassung machen sie so kostbar. Aus der Fülle von Auflagen des Weltbestsellers - von dem meistgedruckten, am häufigsten übersetzten und am weitesten verbreiteten Buch der Welt wurden allein 2014 rund 34 Millionen Stück verbreitet - ragt dieses Exemplar heraus. Und das, obwohl die Version von 1656 bis 1788 selbst auch erstaunliche 32 Auflagen erlebte und das erfolgreichste Produkt des Verlegers war.

Dr. Roelen spricht von einem "ziemlichen guten Zustand". Damit untertreibt er eingangs, kommt schon bald ins Schwärmen, berichtet von der Bibelausstellung, die er vor Jahren mit dem früheren Martini-Pfarrer Heinrich Pauen gemacht hat. Nun hat er mal eine reich bebilderte evangelische Bibel vor sich. Nicht 08/15 sei sie, sondern "einfach eine schöne Bibel". Viele habe er gesehen, sagt Roelen: "Aber das ist eine von den besseren."

Doch vor den Details zunächst zurück zum Vorlass: Ein großzügiger Spender aus Wesel, der nicht genannt werden möchte, hat der Stadt den Band als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Sie stammt aus Familienbesitz und ist stets in Gebrauch gewesen. Das kann man auch sehen, was Roelen aber nicht im mindesten stört. Die Spuren dokumentieren für den Archivar in diesem Fall das lange Leben. Handschriftliche Notizen der Benutzer sind dabei. Reparaturen an Lederschließen zum Beispiel seien vollkommen normal, weil das Material eben irgendwann seine beste Zeit hinter sich hat. Nach dem Tod des Spenders soll die Bibel in den Besitz der Stadt übergehen.

Es handelt sich um eine Prachtbibel im großflächigen Folio-Format. Nach dem Verfasser des Vorwortes wird sie als Dilherr-Bibel bezeichnet. Und es ist ein Ur-Werk, weil es Martin Luthers Bibelübersetzung aus dem Jahre 1522 in der Fassung letzter Hand von 1545 inklusive aller Vorreden enthält. Außerdem sind darin Summarien (Zusammenfassungen) von Johann Saubert, "Nutzanwendungen" von Salomon Claudius, die vier Glaubensbekenntnisse, die Augsburger Konfession sowie Register zu finden.

Was sie darüber hinaus auszeichnet, das die sind die zahlreichen Illustrationen. Allein 19 ganzseitige Kupferstiche sind dabei. Sie zeigen die Propheten, Evangelisten und Apostel. Ferner zieren fast 150 Holzschnitte den Text. Der Band ist gut 1200 Seiten dick, die zwischen Holzdeckeln stecken. Diese sind mit einem zeitgenössischen blindgeprägtem Schweinsleder bezogen. Verschlussbeschläge sind aus Metall. Übrigens ist diese Dilherr-Bibel laut Roelen "nicht ganz so opulent bebildert" wie ihr großer Bruder, die Kurfürsten-Bibel.

Natürlich wurde sie 1788 auf Papier gedruckt, ist also weit weniger wertvoll als ältere Bücher aus Pergament-Zeiten. Dennoch liegt ihr Wert heute bei rund 1000 Euro, sagt Roelen. Und das sei viel, gemessen an der riesigen Menge auch historischer Bibeln. "50 Auflagen pro Jahrhundert, 120 Drucke ...", macht der Stadtarchivar die Verbreitung deutlich. So hätten viele Familienbibeln, die 150 Jahre und mehr alt sind, im Grunde nur individuellen Wert für den jeweiligen Besitzer.

Ein Experte wie Roelen schaut sich alles an, was angeboten wird. Im Fall Dilherr-Bibel hat er es besonders gern getan.

Quelle: RP
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