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Himmel & Erde
Früher war mehr Lametta

Wesel. Nun steht er wieder an seinem Platz zwischen Dom und Historischer Rathausfassade. Der Baum, von dem man spricht. Über den man sich aufregt oder den man erst einmal staunend auf sich wirken lässt.

Ein Hingucker ist er auf jeden Fall, war es bereits bei seinem ersten Einsatz im Winter 2009. Der gut zwölf Meter hohe Metallbaum, ein Projekt der ISG Domviertel, provoziert auch in diesem Jahr wieder. Mit neuen Gestaltungsmerkmalen wirkt er abstrakt zwischen den heimeligen Hütten des Adventsmarktes, die sich an diesem Wochenende auf dem Marktplatz drängen. In den sozialen Netzwerken, wie auch auf der Fußgängerzone, ist die Diskussion über den sperrigen Baum längst entbrannt. "Hässlichster Weihnachtsbaum Deutschlands" oder "Wie gut, dass der Baum rostet" finden wir dort. Dem Baum kann es egal sein. Und den Machern des Projektes auch. Sie haben erreicht, was von Anfang ihr Anliegen war. Der Baum soll anstoßen und neue Perspektiven ermöglichen.

Das gelingt in diesem Jahr besonders mit den beiden biblischen Worten, die sich zusammen mit dem bekannten Loriot-Wort "Früher war mehr Lametta" um den Metallbaum herumlegen. Die Verse aus den ersten Kapiteln des Lukasevangeliums: "...und legten ihn in einen Futtertrog, weil keine Herberge ihnen Platz bot" und "...denn er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen" sprechen direkt und unmittelbar in unsere Wirklichkeit hinein. Damals wie heute müssen Menschen vor der Gewalt der Herrschenden fliehen. Damals wie heute steht Gott zu seiner Verheißung, dem Terror, Krieg und der Gewalt ein Ende zu machen. Der gleichsam entkleidet und wie entäußert wirkende Metallbaum richtet unseren Blick auf das Wesentliche von Advent und Weihnachten. Wenn Lametta und Tannengrün längst entsorgt sind, bleibt die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit.

Ja, auch ich habe vor sechs Jahren mit dem ungewöhnlichen Metallkoloss gefremdelt. Mittlerweile freue ich mich auf seine immer neuen und unverwechselbaren Aussagen. Wer spricht schon über die wie gemalt aussehende Nordmanntanne vor dem Bundeskanzleramt oder den prächtig geschmückten Weihnachtsbaum auf dem Nürnberger Christkindelmarkt? Der Weseler Metallbaum bewegt, ärgert, regt an. Was kann es besseres im Advent geben, als gewohnte Standpunkte zu verlassen und offen zu sein für Überraschungen?

VON THOMAS BRÖDENFELD

Quelle: RP
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