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Hamminkeln/Wesel
Hausarztprobleme am Niederrhein

Hamminkeln/Wesel: Hausarztprobleme am Niederrhein
Martin Lübbe, der Ende des Monats den Standort Güterstraße in Hamminkeln verlässt, geht davon aus, dass die Zeiten der Vor-Ort-Versorgung "mit kurzen Wegen" vorbei sind. Gleichwohl sei die ärztliche Versorgung in Deutschland "nach wie vor weltweit die beste", sagt er. FOTO: Malz
Hamminkeln/Wesel. Nach acht Jahren gibt der Weseler Martin Lübbe seine Zweitpraxis an der Güterstraße Hamminkeln auf. Nun müssen sich seine Patienten neue Hausärzte suchen. Doch das ist nicht so einfach, weil die schon mehr als genug zu tun haben. Von Klaus Nikolei

Wilhelm Damschen (71) aus Hamminkeln macht sich große Sorgen. Denn Ende des Monats schließt sein langjähriger Hausarzt Martin Lübbe seinen "Zweitpraxisbetrieb" an der Güterstraße. Unter anderem, weil sich der Allgemeinmediziner künftig intensiver als bislang um seine Hauptpraxis an der Friedenstraße unweit des Weseler Bahnhofs kümmern möchte. Auch wenn Lübbe in einem Schreiben an seine Hamminkelner Patienten mitteilt, dass eine Versorgung unter anderem durch den Nachfolger in der früheren Praxis von Josef Beckershoff gewährleistet sei, Kollegen in Dingden und Mehrhoog und natürlich er selbst in Wesel zur Verfügung stünden, ist Wilhelm Damschen beunruhigt. Für ihn ist klar: "Da tut sich in Hamminkeln ein Loch in der Patientenversorgung auf." Zumal auch Alfons Dierks mit Sitz am Molkereiplatz keine neuen Patienten mehr aufnehme und auf der Suche nach einem Nachfolger sei, weiß Wilhelm Damschen. Dierks ist 64.

Doch ist das wirklich so? Ist der seit Jahren bundesweit beklagte Hausärztemangel jetzt auch in Hamminkeln spürbar? Die RP fragte nach bei der Kassenärztlichen Vereinigung (siehe Infobox) und den Hamminkelner Hausärzten, die die Situation tatsächlich kritisch sehen.

Gerne, so sagt Lübbe, wäre er auch weiterhin in Hamminkeln geblieben. Doch unter anderem die Erfordernisse an die Praxislogistik (neue EDV, Obergrenzen der Abrechnung, Rekrutierung von adäquatem Fachpersonal) hätten sich so verändert, dass der vor acht Jahren gestartete Zweitpraxisbetrieb nicht aufrecht zu erhalten sei. "Es wären Investitionskosten in Höhe von 15.000 Euro erforderlich gewesen, bei gleichzeitiger Nichtvergütung von rund 25.000 Euro pro Quartal für unsere Leistungen bei gesetzlich versicherten Personen", erklärt Lübbe. Dass Patienten wie Wilhelm Damschen seinen Weggang bedauern, kann er verstehen. "Allerdings ist es auch so, dass die Hamminkelner es gerne haben, wenn sie praktisch aus ihrer Haustür in die Praxis hineinfallen. Mit dem Zug ist man in sieben Minuten bei mir in Wesel in der Praxis. Das dürfte für mobile Patienten kein Problem sein, die auch sonst zum Essen oder Einkaufen in andere Städte fahren." In Bocholt, wo es ähnliche Probleme mit der Hausarztversorgung gebe, sei alles in medizinischen Versorgungszentren zentralisiert worden. Nach Überzeugung von Lübbe müsse sich vor allem die etwas ältere Generation daran gewöhnen, dass die Zeiten der Vor-Ort-Versorgung "mit kurzen Wegen" vorbei seien. Wie die Zukunft aussehen könnte, zeigen die skandinavischen Länder. Dort würden, sagt Lübbe, 85 Prozent der Erstkontakte über ein Call-Center laufen. Und in Baden-Württemberg gebe es mittlerweile eine Internetplattforum, auf der Patienten mit Ärzten kommunizieren. Gleichwohl ist Lübbe davon überzeugt, "dass die ärztliche Versorgung in Deutschland nach wie vor weltweit die beste ist".

Dass Lübbe Hamminkeln nun den Rücken kehrt, bedauern nicht nur seine Patienten, sondern auch der eine oder andere Kollege. So wie Alfons Dierks, dem es nach eigenen Angaben nicht möglich ist, neue Patienten aufzunehmen. "Ich habe jetzt schon 150 Patienten pro Tag und stoße da an gewisse Grenzen", sagt der 64-Jährige. "Man muss den Leuten einfach sagen, dass sie sich anders orientieren müssen. Vor allem die, die noch mobil sind." Inständig hofft er, dass seine Suche nach einem geeigneten und engagierten Nachfolger von Erfolg gekrönt sein wird. "Ich denke, die Infrastruktur in Hamminkeln ist gut, so dass ich jemanden finden werde."

Das hofft auch sein Kollege, der Hausarzt Rudolf Franke, der zusammen mit André Terhorst in Brünen nach eigenen Angaben mehr als 4000 Patienten aus der direkten Umgebung versorgt. "Wir drücken Dr. Dierks ganz fest die Daumen. Denn wir können auch niemanden mehr aufnehmen - außer natürlich in Notfällen. Jedem, der noch mobil ist, raten wir schon jetzt, sich nach einer Alternative umzuschauen", sagt Rudolf Franke.

Auch die von dem Duo 2016 übernommene Praxis von Josef Beckershoff in Hamminkeln, der als angestellter Arzt Ende 2017 in den Ruhestand getreten ist, ist derzeit nicht in der Lage, neue Patienten aufzunehmen. Florian Leinemann, der die Praxis seit Anfang des Jahres führt und zuvor viele Jahre im Weseler Marien-Hospital gearbeitet hat, gibt offen zu, dass es ein Ärzteproblem gibt. "Auch wir sind voll. Und wenn Dr. Dierks schließen würde, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben, dann würde die Situation noch schwieriger."

Er geht davon aus, dass es künftig noch schwerer sein wird, junge Mediziner für den Beruf des Landarztes zu begeistern. Um das Problem zu lösen, müsste die Politik sich ändern. Und was müsste genau getan werden? Leinemann lacht. Dann sagt er: "Mit Speck fängt man Mäuse. Würden die Gehälter erhöht, würden sich auch mehr Leute finden." Dass er selbst seinen Job im Weseler Innenstadt-Krankenhaus mit dem des Hausarztes getauscht hat, begründet er so: "Ich bin schon ein wenig ein verrückter Kerl. Ich mag den Beruf, bin gerne Arzt."

Quelle: RP
 
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