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Wesel
Herr der 4700 Pfeifen

Wesel: Herr der 4700 Pfeifen
Halfdan Oussoren im Inneren der Orgel. In seiner Hand hält er das Stimmhorn. Schlägt er damit auf das offene Ende Pfeifen, verändert sich der Ton. FOTO: Bauch
Wesel. Halfdan Oussoren ist diese Woche ganz allein im Weseler Dom. Der 50-Jährige stimmt die Marcussen-Orgel - ein Geduldsspiel. Von Ludwig Krause

Halfdan Oussoren öffnet die Tür links der Klaviatur. Sie ist gerade breit genug, damit der 50-Jährige durchschlüpfen kann, dann geht es über die schmalen Leitern nach oben. Ins erste Geschoss, dann ins zweite. C' klingt nicht so, wie C' klingen sollte. Oussoren hat das beim Spielen unten gemerkt und sich in sein Notizbuch geschrieben. Jetzt drückt er sich durch die Schächte der Orgel im Weseler Willibrodi-Dom nach oben, um genau das zu ändern. C' ist eine von 4675 Pfeifen, die Oussoren kontrollieren muss. Fünf Tage hat er dafür Zeit.

Der Däne ist Orgelbauer und diese Woche ganz allein in der Kirche. Alle zwei Jahre muss die Marcussen-Orgel gestimmt werden. "Dafür brauche ich absolute Ruhe", sagt er. In anderen Kirchen komme schonmal jemand mit dem Staubsauger vorbei, das könne er gar nicht gebrauchen. "Manchmal fährt auch hier draußen eine Kehrmaschine." Dann muss der 50-Jährige eben eine kurze Pause einlegen oder sich anderen Arbeiten zuwenden. Normalerweise hat er in Wesel aber seine Ruhe. Und noch einen Vorteil hat die Arbeit im hiesigen Dom dieser Tage: Während es draußen schwülwarm ist, herrschen drinnen angenehme 19 Grad. "Bei einer kleinen Dorfkirche im Winter ist das auch anders", sagt er.

Wie muss man sich einen Orgelbauer aus Dänemark vorstellen, der seit 30 Jahren Instrumente stimmt? Der morgens um 9 in eine Kirche geht, den ganzen Tag nur sich und die Orgelpfeifen hat? Oussoren lacht viel und gerne. Er spricht erstaunlich gut Deutsch, nur selten kommt sein dänischer Zungenschlag durch. Wenn er auf eine Frage mit "Joa" antwortet, zum Beispiel. "Ich wohne nur 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Als ich ein Kind war, lief die deutsche Sesamstraße. So kam das halt", sagt er. Und lacht wieder. Im Verlauf seines Berufslebens hat es den 50-Jährigen aber auch zu Stationen in Deutschland und Österreich verschlagen. Den österreichischen Akzent beherrscht er auch noch. Inklusive der Sprüche, die er sich dort von den Einheimischen anhören musste.

Oussoren trägt zur Arbeit ein schlichtes Shirt und Jeans - hauptsache bequem -, ums Handgelenk eine Smartwatch. Eine dieser Uhren, mit der man auch Nachrichten lesen und Telefongespräche annehmen kann. "Manchmal geht eine Tür nicht auf, dann fehlt ein Schlüssel. In diesem Beruf ist man ein bisschen Handwerker, Schlosser, Schreiner." Seine eigentlichen Werkzeuge aber sind Fernbedienung, Hammer und Stimmhorn. Die Bedienung führt über ein langes Kabel direkt zu einem Aufsatz, der über die Klaviatur der Orgel gestülpt ist. So kann er auch die einzelnen Tasten spielen, wenn er in zehn Metern Höhe auf der Leiter steht. Mit dem Stimmhorn schlägt er dann vorsichtig auf das offene Ende der Pfeifen, bis der Ton wieder stimmt. "Ich arbeite mit dem Klang, wie ein Tischler mit Holz", sagt er. "Nur mit meinen Ohren statt mit meinen Augen." Im Jahr 2000 wurde die Marcussen-Orgel gebaut, von Anfang hat hat Oussoren sie begleitet. Alle zwei Jahre bringt er das Instrument auf Vordermann. Stimmt, wenn es verstimmt ist. Macht kleine Reparaturen. "Das ist für mich, wie nach Hause zu kommen", sagt er. Und wie hat Hightech Einzug in die Arbeit gehalten? "Technische Stimmhilfen sind genau das: Hilfe. Mehr aber nicht", sagt Oussoren. Den größten Teil macht er nach Gehör. "Mache ich hier alles mit dem Gerät, wäre ich noch in drei Wochen da."

Der Ablauf ist immer der gleiche: Oussoren spielt einen Ton. Ist er nicht zufrieden, klettert er zu der Pfeife, die für den Misston verantwortlich ist. "Nicht alle sind leicht zu erreichen. Manchmal braucht man 20 Minuten, um zu seinem Ziel zu kommen", sagt er. Zieht der Organist an nur einem Registerzug, können aber auch neun Pfeifen gleichzeitig angesteuert werden. "Von denen muss nur eine schief klingen, damit alles nicht mehr stimmt", sagt er. "Diese eine zu finden, ist dann die Kunst." Ein Geduldsspiel. Nach ein paar Stunden Hören müsse er dann mal raus. "Die Ohren brauchen Pause", sagt er. Ein paar Minuten mal etwas ganz anderes. Dann geht es weiter.

Aber wie steht es denn um das gute Stück im Dom? "Langsam merkt man, dass sie nicht mehr ganz neu ist", sagt er. "Aber insgesamt noch sehr gut." Die Weseler können also beruhigt sein. Und ab morgen klingt sie auch wieder perfekt.

Quelle: RP
 
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