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Grünen-Fraktionschef Ulrich Gorris
"Ich hänge nicht an meinem Amt"

Grünen-Fraktionschef Ulrich Gorris: "Ich hänge nicht an meinem Amt"
Ulrich Gorris ist Sportlehrer mit dem Hobby Triathlon und in einer Patchworkfamilie Vater von vier Kindern. Wie geht es politisch weiter? FOTO: Jana Bauch
Wesel. Grünen-Fraktionschef Ulrich Gorris spricht über Personalgerüchte im Rathaus, Erfolge der Grünen und seine Veganerphase.

Herr Gorris, im Weseler Rathaus wird gemunkelt, dass Sie als Fraktionsvorsitzender durch Herrn Fritz abgelöst werden, der derzeit noch Kämmerer in Wesel ist. Was ist da dran?

Ulrich Gorris Ich habe immer gesagt, dass ich nicht am Amt hänge. Bekannt ist auch, dass CDU und SPD mehrfach signalisiert haben, Paul-Georg Fritz als Kämmerer nicht wiederzuwählen. Also haben wir in der Fraktion verschiedene Sachen durchgedacht. Eines ist sicher: Die Arbeit als Fraktionschef macht im Rat keinen Spaß, wenn man mit dem CDU-Fraktionschef Linz und dem SPD-Fraktionschef Hovest zusammenarbeitet. Jeder Antrag von uns wird abgebügelt. Das ist traurig.

Man kann es auch anders sehen: Den Grünen gelingt es nicht, Anträge einzubringen, die andere überzeugen.

Gorris Das sehe ich anders. Wir haben zum Beispiel einen großen Antrag zum Thema Klimaschutz eingebracht. Wir wollten eine Bilanz. Es laufen ja kleine Maßnahmen zum Klimaschutz, es fehlt aber das große Ganze. Von den anderen kam keine Reaktion. Stattdessen wurde der Antrag Tagesordnungspunkt 22 im Ausschuss, noch nach den nichtöffentlichen Punkten. Eine wesentliche Erkenntnis ist: Mit den handelnden Personen bei den anderen Parteien ist es schwer, vernünftig Politik zu gestalten.

Liegt es vielleicht auch an Ihnen, dass die Grünen als Stimme im Rat so wenig wahrgenommen werden? Sie sind eher ein stiller Typ, nicht als Haudrauf-Politiker aufgefallen.

Gorris Das mag sein, aber inhaltlich zeige ich schon Kante. Ich habe beispielsweise auf die aus meiner Sicht ungünstige Rolle von Herrn Hovest beim Thema Kiesabbau hingewiesen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass er nur noch Erfüllungsgehilfe der Interessen der Kiesindustrie ist. Bei Herrn Hovest laufen mir zu viele Deals unter der Hand. Das sind oft Eine-Hand-wäscht-die-andere-Geschäfte. Er denkt nur in Freund-Feind-Kategorien. Das sind Machtspielchen, die machen wir nicht mit. Ich sehe das Problem, dass die Weseler SPD zwar die Ökonomie in das Zentrum ihrer Politik stellt, aber auf soziale und ökologische Fragen keine Antworten findet. Ohne Zweifel, Frau Westkamp als Bürgermeisterin macht gute Wirtschaftspolitik. Aber es gibt auch andere Aufgabenfelder.

Das ist die eine Partei der Großen Koalition. Was ist mit der CDU?

Gorris Die CDU in Wesel hat ein Problem. Die SPD kapert deren Themen, geht in Wesel den Weg, den Frau Merkel auf Bundesebene geht, indem sie der SPD die sozialen Themen wegnimmt.

Und die Grünen, wie sehen Sie Ihre Partei derzeit in Wesel aufgestellt?

Gorris Wir haben bei der Bundestagswahl 6,4 Prozent geholt, für unsere Verhältnisse war das im Vergleich zur Kommunalwahl, wo wir acht Prozent hatten, schlechter. Allerdings haben wir mehr Wähler überzeugt als je zuvor. 2200 Wähler haben ihr Kreuzchen bei den Grünen gemacht. Das liegt natürlich auch an der hohen Wahlbeteiligung.

Dabei sind die Weseler Grünen als Unterstützer ihres Voerder Kandidaten Stefan Meiners in Wesel nicht aufgefallen. Es gab wenige Themen, bei denen Meiners mit grünen Themen hier präsent sein konnte.

Gorris Und dennoch hat er einen guten Wahlkampf gemacht und ein respektables Ergebnis geholt. Er kam als Typ gut rüber. Das ist mir etwa bei der Diskussion mit den Landwirten aufgefallen. Üblicherweise stehen wir als Grüne dort am meisten in der Schusslinie.

Stichwort Landwirtschaft: Leiden die Grünen in Wesel noch am Verbotspartei-Image?

Gorris Beim Thema Kiesabbau zum Beispiel haben wir ja bestimmte Themen auch unideologisch mitgetragen: Das Projekt Lippemündungsraum ist ein Beispiel, wo der Kiesabbau gut gelaufen ist. Man kann über den Veggie-Day streiten, aber sie glauben gar nicht, wie viele Leute zu uns an den Wahlstand kommen und über temporären Fleischverzicht mit uns sprechen. Wir als Familie machen übrigens gerade ein veganes Experiment. Aus gesundheitlichen Gründen - als Triathlet habe ich manchmal Probleme mit der Achillessehne - versuche ich gerade vegan zu leben. Ich kann ihnen aber sagen: Es fühlt sich manchmal scheiße an.

Das heißt, auch ein Grüner muss mal Fleisch haben.

Gorris Zu Hause gibt es meist Gemüse. Wenn wir eingeladen sind, dann darf es auch schon mal Fleisch sein. Das Thema Fleisch war übrigens auch in Wesel mal ein Streitpunkt: Wir hatten mal einen Empfang der Gäste aus Felixstowe. Da hat der beauftragte Metzger ein Frühstücksbuffet fast nur mit Fleisch geliefert. Käse lag nur sporadisch drauf. Ich habe bei Frau Westkamp angeregt, doch mal mehr auf fleischlose Kost bei solchen Empfängen zu setzen. Das wird seitdem gemacht.

Wo haben die Grünen jenseits der Rathausbuffets noch Akzente setzen können?

Gorris Da kann ich vieles aufzählen, ich merke aber, dass wir das meiste davon nicht im Parlament auf den Weg gebracht haben, sondern mit grünen Aktionen vor Ort. Den Bürgergarten Hummelweg haben wir realisiert, da sollte gebaut werden, wir haben einfach gegärtnert. Mittlerweile ist das etabliert. Eine gute Aktion war auch, wiederverwertbare Kaffeebecher in der Fußgängerzone zu verteilen. Das haben wir auf eigene Kosten gemacht - und damit hoffentlich etwas Bewusstsein dafür geweckt, wie falsch es ist, sich immer einen Coffee to go im Wegwerfbecher zu kaufen. Oder nehmen Sie das Stadtradeln. CDU und SPD haben unsere Anträge, sich an der Aktion zu beteiligen, immer abgelehnt. Ludger Hovest hat sogar gesagt, dass auch alle künftigen Anträge dazu von uns abgeschmettert werden. Letztlich haben wir als Grüne selbst ein Team gegründet, und sind drittstärkstes Team auf Kreisebene geworden. 55 Menschen sind insgesamt für Wesel geradelt, nicht nur Grünen-Mitglieder. Das sind alles Erfolge, die wir außerhalb des Rates erreicht haben.

Das klingt jetzt wie ein Plädoyer für außerparlamentarische Opposition.

Gorris Man kann vieles auch außerhalb des Rates regeln.

Zurück zur Personalfrage: Spüren Sie noch den Rückhalt Ihrer Fraktion?

Gorris Die Fraktion steht, so habe ich den Eindruck, hinter beiden Personen. Und Paul-Georg (Fritz, Anm. d. Red.) und ich sind Freunde. Wir werden die Frage, wer die Fraktion führt, in Ruhe klären. Da wird es keinen Streit geben. Ich bin seit 35 Jahren Grüner. Ich will auf jeden Fall Grünen-Mitglied bleiben und politisch weiter wirken, egal, was die Zukunft bringt.

SEBASTIAN PETERS FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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