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Wesel/Schermbeck
Im Auto verstecktes Baby überlebt

Wesel/Schermbeck. Das Schöffengericht spricht eine 26-Jährige, die im Bad ihres Freundes in Schermbeck Jungen geboren hatte, vom Vorwurf der vorsätzlichen Körperverletzung frei.

Ein gleichermaßen kurioser wie tragischer Fall wurde gestern vor dem Schöffengericht in Wesel verhandelt. Eine 26-jährige Duisburgerin, die wegen Aussetzung sowie vorsätzlicher Körperverletzung ihres Neugeborenen angeklagt war, wurde nach rund dreistündiger Verhandlung freigesprochen. Ihr konnte kein strafbares Verhalten nachgewiesen werden.

Vor allem die zeitlichen Abläufe blieben auch gestern vor Gericht völlig unklar: Deutlich wurde allerdings, dass die Frau ihre dritte Schwangerschaft geheimhalten wollte, was ihr auch gelang. Anfang November 2014 brachte sie dann im Badezimmer ihres Freundes in Schermbeck ohne fremde Hilfe einen Jungen in der 35. Schwangerschaftswoche zur Welt. Eine Aussage ihres damaligen Freundes deutet darauf hin, dass dies am 3. November gewesen sein dürfte.

Die Angeklagte sagte aus, sie sei davon ausgegangen, dass das frühgeborene Kind tot sei. Dies hielt auch eine Gutachterin vor Gericht durchaus für möglich. Die Mutter wickelte das Neugeborene in ein Handtuch und brachte es zu ihrem Auto, legte es dort in den Kofferraum in einen Wäschekorb, um es vor ihrem Lebensgefährten zu verstecken.

Die junge Frau ging danach offenbar auch wieder zur Arbeit und fuhr das für tot gehaltene Baby dabei im Auto durch die Gegend. Irgendwann hörte sie aber Geräusche aus dem Kofferraum - ihr Kind lebte. Das muss für die Frau ein Schock gewesen sein. Jedenfalls rief sie am 6. November in den frühen Morgenstunden völlig aufgelöst bei der Babyklappe in Essen an, wo sie das Kinde abgeben wollte. Ein besonnener und gleichermaßen überaus geschickt agierender Mitarbeiter des Vereins "Essener Babyfenster" lotste umgehend einen Notarzt zu der Wohnung, wo sich Mutter und Kind aufhielten. Gleichzeitig half er der Frau per Telefon, erste Hilfe zu leisten und beruhigte die Verzweifelte. Er hatte die dramatische Situation erkannt, da die Duisburgerin in dem etwa eine Stunde dauernden Telefonat auch Selbstmordabsichten äußerte.

Notarzt und Sanitäter trafen die Mutter mit dem Kind auf dem Arm an der Wohnungstür an und kümmerten sich sofort um die beiden. Schnell wurde klar, dass die Mutter auf Distanz zu ihrem Kind ging. Das Neugeborene war zwar dehydriert und unterkühlt, aber in keiner lebensbedrohlichen Situation, erklärte der Notarzt vor Gericht.

Heute lebt das Baby in einer Pflegefamilie, die es nach dem Vorfall aufnahm. Nach Informationen des Gerichts ist der Junge gesund.

(jok)
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