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Wesel
Kanzler, Präsidenten und gekrönte Häupter

Wesel: Kanzler, Präsidenten und gekrönte Häupter
Oben: Mit Silber beschlagen und mit Edelsteinen verziert - das Goldene Buch der Stadt Duisburg. Hier haben sich Staatsoberhäupter wie der Chinese Xi Jinping (Mitte links), Bundespräsident Joachim Gauck oder der Schah von Iran (unten) verewigt. FOTO: Christoph Reichwein (crei)
Wesel. Am Dienstag wird sich Angela Merkel bei ihrem Besuch in Marxloh ins Goldene Buch der Stadt eintragen - anlass, mal zu blättern, wer sich darin schon alles verewigt hat. Von Hildegard Chudobba (Text) und Christoph Reichwein (Fotos)

Sylvia Peters streift sich weiße Stoffhandschuhe über, bevor sie im Mercatorzimmer des Rathauses vorsichtig das Prunkstück aus der Vitrine hebt. Der dicke Wälzer ist mit Silber beschlagen und mit Edelsteinen belegt. Der Duisburger Unternehmer Dr. Walter Böninger hat dieses erste Goldene Buch der Stadt 1909 gestiftet. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird sich am Dienstag in den dritten, deutlich schlichteren Band eintragen. Denn nur der erste ist so prunkvoll und aufwendig gestaltet ist. Obermeister Link wird das Buch nach Marxloh mitnehmen. Bis dahin wird die Merkel-Seite grafisch gestaltet sein. Sie wird einen kunstvoll geschriebenen Text mit Hinweisen auf den Anlass und den Tag des Eintrages haben. Zudem wird der Künstler Karl-Heinz Weiner eine mit dem Bundeskanzleramt abgestimmte Zeichnung hineingemalt haben. Auf mehr als 700 Seiten in diesen drei Bänden war das seit 1909 ähnlich.

Viele der Einträge sagen uns heute wenig. Anders ist das mit Reichspräsident von Hindenburg. Er sollte jedem Deutschen ein Begriff sein. Er war 1925 der wichtigste Besucher in der Stadt. Nicht anders verhält es sich mit einem Namen, der noch heute für Gänsehaut sorgt. 1936 verewigte sich Reichsminister Goebbels - Zeichen einer tief-braunen Zeit im Rathaus. Dem Überfall auf Polen ist eine Seite gewidmet, ebenso anderen Untaten der Nazis. Adolf Hitler fehlt in der Sammlung, obwohl er im Wedau-Stadion die Massen aufhetzte. Das war 1932, wenige Monate vor der Machtergreifung. Da war Hitler noch zu unbedeutend für einen Eintrag ins Goldene Buch. Zum Glück, mag man heute sagen. Nach 1933 drängten sich aber andere Nazigrößen in den lokalen Vordergrund, einige von ihnen haben sich mit ihren widerlichen Allmachtsfantasien verewigt - nicht schön zu lesen, aber Zeitgeschichte.

Am 16. April 1945 wird in dem ersten Band ein neues Kapitel aufgeschlagen: Der Krieg ist endlich zu Ende. In den ersten Jahren danach füllt sich das Goldene Buch der Stadt mit Unterschriften von Vertretern der britschen Besatzungsmacht und von Repräsentanten jener Organisationen (zumBeispiel des schweizerischen und britischen Roten Kreuzes), die uns damals auf die Beine geholfen haben. Die Stimmung des Wiederaufbaus ist spürbar.

Die Einweihung der Rheinhauser Brücke ist 1950 ebenso einen Eintrag wert wie die im gleichen Jahr erfolgte Wiedereröffnung des Stadttheaters und der Schwanentorbrücke. Noch heute wird nach dem Prinzip verfahren, dass sich derjenige ins Goldene Buch einschreiben darf, der über die Stadtgrenzen hinaus Bedeutung hat oder aber stellvertretend steht für Duisburger Ereignisse mit großer Tragweite. So erklärt sich zum Beispiel, dass sich scheidende und frisch-gewählte Oberbürgermeister verewigen und Ratsmitglieder nach einer Kommunalwahl .

Der erste Eintrag eines Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland ist auf den 3. Dezember 1950 datiert. Dr. Konrad Adenauer war damals in der Stadt, und wer etwa in den Archiven blättert weiß, dass sein Interesse der August Thyssen Hütte galt, eine der Motoren für den wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands. Auch für Bundespräsident Dr. TheodorHeuss (1952) und Bundekanzler Prof Dr. Ludwig Erhard (1965) war die Stadt vor allem wegen ihrer Stahlindustrie von großem Interesse. Zwischen Adenauer und Erhard kam übrigens Willy Brandt, nicht aber als Bundeskanzler, sondern als Regierender Bürgermeister von Berlin. Anlass war der Beginn der Bauarbeiten an der Berliner Brücke im Jahr 1960. Auch die Kanzler Schmidt und Schröder sowie einige Bundespräsidenten und Bundesminister waren hier.

Bei den mehr als 700 Einträgen zu entscheiden, welcher denn nun der bedeutendste ist - kaum möglich. Ranghoch war vielen, prominent auch, allen voran Queen Elisabeth, die 1965 in der Stadt weilte und auf dem Weg (mit dem Schiff) von der Innenstadt zu Mannesmannwerken ihre schwungvolle Unterschrift ins Buch setzte. Fast genau so glanzvoll, _ oder mehr, oder doch weniger?: 1967 besuchte der persische Schah Mohammad Reza Schah Pahlavi Aryanehr (wegen der Stahlindustrie) Duisburg.

In Bezug auf Macht dürfte jedoch einer allen anderen den Rang ablaufen: Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping schaute sich im März vergangenen Jahres auf dem Logport-Gelände an, wie eine Zug aus Peking in Duisburg einrollte und damit den regelmäßigen Verkehr zwischen den chinesischen Seehäfen und dem Duisburger Binnenhafen markierte. Natürlich wurde ihm das Goldene Buch (Band III) hinterhergetragen, das Rathaus hat er nicht zu Gesicht bekommen,

Jedesmal, wenn im Rathaus ein Tag der offenen Tür stattfindet, werden die Bücher ausgelegt, und im Beisein von Sylvia Peters und ihren Kollegen aus dem Amt für Repräsentationen dürfen die Besucher dann hineinschauen. Es lohnt sich.

Quelle: RP
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