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Wesel
Kinder, wie die Zeit vergeht

Wesel. Die Weselerin Anne Bongers hat Senioren des Martinistifts um Jugendfotos gebeten und die Bewohner exakt noch einmal so abgelichtet. Dieses Fotoprojekt hat erstaunliche Wirkung erzeugt. Ab dem heutigen Samstag sind die Bilder zu sehen. Von Sebastian Peters

Es gab diesen einen Punkt, an dem Anne Bongers (34) ein Licht aufging. Sie hatte schon einige der Senioren fotografiert, in Posen wie früher. Als sie dann eine Reihe der ersten fertiggestellten Fotos betrachtete, da merkte sie: "Diese Menschen sind genau die gleichen Leute wie vor 50 Jahren."

Es sind zwar viele Jahre vergangen seit diesem ersten Jugendfoto. Einige der Senioren leiden inzwischen an Demenz, können sich an das Erlebte nicht mehr erinnern. Als Anne Bongers die Senioren aber bat, sich für ein Foto hinzusetzen, da positionierten sich die Bewohner automatisch wie damals. Diese Erfahrung hat die 34-jährige Weselerin, die ursprünglich aus Sebnitz in Sachsen stammt, sehr bewegt. "Man merkt plötzlich, dass ein ganzes Leben dahinter steckt. Diese Bilder erzählen so viel Geschichte. Das Schönste war, dass ich die Chance bekam, mit dem Bild eine Verbindungslinie zu ziehen von der Vergangenheit in das Jetzt."

Anne Bongers studiert an der Universität Duisburg-Essen Soziale Arbeit. Im Rahmen dieses Studiums muss sie auch ein Praktikum absolvieren und ein Abschlussprojekt realisieren. So kam Bongers auf die Idee, im Martinistift das Fotoprojekt mit "Damals-Heute-Bildern" zu realisieren. Seit dem 18. Lebensjahr wohnt sie in Wesel. Damals war sie aus Sachsen weggezogen, um "die große weite Welt" kennenzulernen. Letztlich ist sie in Wesel gelandet und geblieben.

Die Senioren waren erst skeptisch, als Anne Bongers ihnen von ihrer Idee erzählte. "Manche wollten erst nicht." Andere hätten ihr gesagt, dass sie überhaupt keine Bilder aus der Jugend mehr hätten. Anne Bongers nahm sich ein bis zwei Stunden pro Bewohner, kam ins Gespräch, zeigte auch Bilder aus ihrer Jugend in Sachsen. Auch sprach sie Angehörige an und bat um Hilfe bei der Suche nach Jugendbildern. All das schaffte Vertrauen. Als die ersten Bewohner mitmachten, ins im oberen Stockwerk eingerichtete Fotostudio kamen, da war es plötzlich ein Selbstläufer: 17 von 48 Bewohnern haben sich bei diesem Fotoprojekt ablichten lassen. "Mit so vielen Teilnehmern hätte ich nicht gerechnet", sagt Bongers. An insgesamt zwei Tagen sind die Bilder entstanden. "Es war so schön, dass die Menschen mich in ihr Leben gelassen haben."

Da ist der Bewohner, der früher am Flughafen gearbeitet hat und für das Bild noch mal das echte Arbeitshemd vom Flughafen auspackt. Da ist die Seniorin, die heute stets korrekt und höflich im Seniorenheim unterwegs ist, damals aber für ein Foto verwegen mit Zigarette posierte. Anne Bongers hat sie gefragt, ob sie noch einmal so fotografiert werden wolle. Weil die Seniorin allerdings nicht mehr raucht, entschied sie sich, einen Kugelschreiber in die Hand zu nehmen. Und dann war da der Rentner, der heute im Rollstuhl sitzt, nicht mehr viel erzählt. Auf einem Jugendbild ist er mit Gitarre zu sehen, wie ein echter Beat-Star sieht er darauf aus. Anne Bongers hat ihm eine Gitarre in die Hand gegeben. "Plötzlich war er wieder so cool wie damals."

Eigentlich habe sie nur ganz wenig machen müssen, sagt Anne Bongers. Die Bewohner hätten die Hände so abgelegt wie damals, hätten den Blick von früher. Nur ab und an kleine Korrekturen habe sie vornehmen müssen. Die Senioren hätten auch für sich erkannt: So viel hat sich an mir gar nicht geändert. Ich bin immer noch der von damals. "Gerade bei denen, die denken, sie seien längst nicht mehr sie selbst, hat das Wirkung gezeigt."

Anne Bongers hofft, dass etwas von dem Geist des Projekts im Heim für ein paar Wochen bleibt, dass die Bewohner untereinander noch darüber reden.

Quelle: RP
 
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