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Hamminkeln
Klassik in der Baustoffhalle

Hamminkeln: Klassik in der Baustoffhalle
Zum zweiten Mal spielte die Festival-Philharmonie der "musik:landschaft westfalen" im Bauzentrum Borgers zwischen Isolierplatten und Betonsäcken. FOTO: Kunkel
Hamminkeln. Konzert bei Borgers begeistert. Hilfe für Flüchtlingskinder.

"Da hat man einfach bei jedem Ton Gänsehaut", sagte die Zuschauerin aus Blumenkamp in der Pause höchst zufrieden. "Besonders die feinen, hohen, leisen Töne der Stradivari sind so wunderschön und innig", ergänzt sie, während der Ehegatte von der Leichtigkeit, mit der Geigenvirtuose Jozsef Lendvay spielte, einfach nur fasziniert und begeistert war. Der Tenor beim Publikum nach dem ersten Teil des Konzertes ist eindeutig: "Das ist einfach spitze!"

So viel Lob, so schöne Musik, so viele Gäste - die Stühle sind alle belegt - das steht im direkten Zusammenhang. Auch Hermann Borgers, in dessen Baustoffhandel-Halle das Klassikkonzert nun schon zum zweiten Mal stattfand, war bereits vor Beginn der virtuosen Musiknacht hellauf begeistert: "Wir sind froh, dass sich das Wetter ein wenig beruhigt hat und wir das Konzert nicht absagen mussten", erklärte Borgers zusammen mit Lothar Venn (Präsident Rotary-Club Lippe-Issel).

Der gute Zweck kommt natürlich auch bei dieser Veranstaltung nicht zu kurz. Hilfe für Flüchtlingskinder haben sich die Rotarier auf die Fahne geschrieben. Passend zum Anlass sagte Bürgermeister Holger Schlierf: "Hamminkeln hat sich mit diesem Konzertevent kulturell ein gutes Stück weiterentwickelt."

Das Klassik-Konzert im Baumarkt solle eine Dauerhaftigkeit erfahren, befand Schlierf und drückte damit den Wunsch nach einer jährlichen Neuauflage aus. Vor den Musikgenuss hatten die Macher jedoch rund zwanzig Minuten Begrüßungsreden, Informationen und das Sponsoren-Line up gesetzt. "Das ist zwar wichtig, aber leider auch langweilig", befand ein Musikliebhaber in Wartestellung. Die Entschädigung für so viel (Vor-) Wort folgte prompt und natürlich auf musikalische Weise. Die Ouvertüre zu "Prometheus" aus der Feder Ludwig van Beethovens leitete den außergewöhnlichen Musikgenuss des kühlen und windigen Abends ein.

Dann verzauberte Stargeiger Jozsef Lendvay in gewohnt entspannter Art die mehr als 300 Gäste in der Baustoffhalle - während Isolier- und OSB-Platten in trauter Harmonie mit Ytong- und Hohlblocksteinen sowie Beton- und Mörtelsäcken eine Mauer bildeten, um Konzertraum-Atmosphäre zu schaffen.

Der Wind fegte, oft passend zur Musik, in die Halle und sorgte für eine frische Brise und kühle Züge. Viele Gäste hatten sich mit Decken, Kissen, Schal und dicker Jacke für das Klassikkonzert im Hochregallager präpariert.

Auf der rund 100 Quadratmeter großen Bühne spielte die Festival-Philharmonie der Musiklandschaft Westfalen (m:lw) unter der Leitung des aus Polen stammenden Dirigenten Maciej Tworek. Intendant Dirk Klapsing dankte den rund 30 jungen Musikern aus aller Welt, dass sie trotz der grenzwertigen Temperaturen spielen. Zwei rotglühende Heizpilze auf der Bühne sorgten für einen wärmenden Hauch in den Orchesterreihen.

Den brauchte Solist Jozsef Lendvay nicht. Das Hemd locker über der Hose hängend, flitzten seine Finger und der Bogen über die Saiten der Stradivari. Stakkatospiel, dann weich und schön gestrichen, plötzlich eine dramatische Pause, wieder wechselnd in schnellste Läufe, um flugs erneut in tiefster seelischer Emotionalität und mit innigstem ungarischem Feuer zu brillieren. Lendvay spielte Niccolò Paganinis 1. Violinenkonzert und das Publikum dankte mit Bravorufen und viel Applaus. Der Solist erwiderte die Begeisterung mit zwei Zugaben Solospiel auf der Violine.

Beethovens berühmte sechste Sinfonie rundete das anspruchsvolle Programm gut ab. Die "Erinnerungen an das Landleben" - wie Beethoven die Sinfonie auch betitelte - traten in den fünf Sätzen gut zu Tage. Man erlebte die Freude der (Stadt-)Menschen bei einem Besuch auf und im Lande. Im dritten Satz spürte man die tanzenden Landsleute während im vierten Satz ein heftiger musikalischer Landregen mit Blitz und Donner einschlug, bevor sich die Hirten im Finalsatz über den abziehenden Regen freuten. Ein besseres Bild hätte es kaum geben können.

Und so bewahrheitete sich, was Hausherr Hermann Borgers schon als Begrüßungswunsch aussprach: "ein schöner, besonderer und unvergesslicher Abend!"

(mm)
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