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Wesel
Klingende Darstellung des Unbegreiflichen

Wesel. Langer Applaus für Kai Krakenberg aus Husum beim Orgelkonzert im Willibrordi-Dom. Von Hanne Buschmann

Klug geplant ist das kleine herbstliche Orgelfestival im Willibrordi-Dom. Der künstlerisch leitende Kantor Ansgar Schlei und die von ihm eingeladenen Gast-Organisten stimmen offenbar darin überein, mit der Musik nachvollziehbare Wege zu zeigen: zur persönlichen inneren Sammlung, zum Nachdenken über das intuitiv erlebbare All, über Gott. In diesem Wort liegt alles. Es kommt nicht darauf an, die Musik in ihrer Gesetzlichkeit zu verstehen, sondern sie als klingende Darstellung des unbegreiflichen Lebens wahrzunehmen.

Das haben die Hörer, die fast eine unausgesprochene Gemeinschaft bilden, längst erkannt. Samstagabend spielte im Dom Kai Krakenberg, Organist an der Marienkirche in Husum, an der im 17. Jahrhundert Nicolaus Bruhns wirkte. Dessen Orgelwerk erklang im ersten Konzert des diesjährigen Festivals. Mit dem unerreichten großen Bach setzte Krakenberg zu Anfang einen Orientierungspunkt, mit Präludium und Fuge G-Dur, BWV 541. Hell und leicht flogen die Töne der prächtigen Läufe unter die Gewölbe der Kirchenschiffe, zuversichtlich trösteten die motivischen, dunkleren Laute im Pedal, energisch nahm die Fuge die Hörer mit ins volle Leben.

Davon kündeten zeitgenössische Komponisten. Ihnen gemeinsam war eine respektvolle, jedoch selbstbewusste Annäherung an das Rätsel Kosmos. Mit furiosen Fragen, denen leise Antworten folgten, begann Percy Fletchers Festival Toccata. Deren Spannung löste sich in anmutigen Melodien und Jubelgesang. Zur inneren Sammlung rief Charles-Marie Widors Meditation aus der Symphonie Nr. 1 op. 13. Da erfüllten fast sphärische Klänge den Raum. So energisch wie behutsam tauchte Louis Vierne in die Mysterien der Welt in seinem Allegro risoluto ma non troppo aus der Symphonie Nr. 2 op. 20.

Die Meditation at Engelberg von John Marsh entwarf mit feiner Musik hoffnungsvolle Lebenswege. Von dem Kanadier Denis Bédard waren Prélude et Toccata sur "Victimae paschali laudes" zu hören, ein großer Lobgesang auf das Opfer des Osterlamms, das eine neue Sicht auf die Schöpfung Welt bewirkte. Der Engländer Andrew Moore erzählte in "Malvern Air", einem farbigen Dialog zwischen himmlischer Flötenmelodie vom Manual und irdischer Antwort vom Pedal von den natürlichen Widersprüchen des Lebens.

Diese wurden auch hörbar in Franz Liszts virtuoser Darstellung "Der heilige Franziskus von Paula auf den Wogen schreitend". Der junge Überschwang des Komponisten (1811-1886) war noch nicht erloschen, aber die Hinwendung zum Mysterium des sicheren Schreitens in der Gefahr klang auf.

So rundete sich zum Schluss - nach dem Gang durch zwei Jahrhunderte - die Sicht aufs All. Belohnt mit langem Applaus. Dem folgte keine Zugabe.

Quelle: RP
 
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