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Hamminkeln
Kultur auf dem Dorf bei Freunden

Hamminkeln. Carrington-Brown und Joe, das Cello, im vollen Veranstaltungszelt: Grenzgang zwischen Klassik, Pop und britischem Musikkabarett.

Joe, das Cello, ist 237 Jahre alt. Es fröstelt leicht in diesem hohen Alter und hat was gegen Abendkühle. Deshalb blieb die Open-Air-Bühne verwaist, die Marienthaler Abende fanden im rustikalen und fast ausverkauften Zelt statt. Dort war es klimatisch nicht nur angenehmer, im rasanten musikkabarettistischen Ritt wurde den begeisterten Zuhörern auch warm ums Herz, auch vom Mitklatschen. Zum Schluss standen alle und rappten mit Carrington-Brown - das umjubelte Ende eines Konzertabends, wie man ihn in der Region nur bei der großen Kultur im kleinen Marienthal erleben kann. Denn in diesem besonderen Ambiente gibt es riesige Kleinkunst, die sonst in Metropolen stattfindet.

Carrington-Brown treten etwa in der Berliner Bar jeder Vernunft oder im Düsseldorfer Kommödchen auf. In Marienthal, im schützenfestartigen Zelt voller Gartenstühle statt weicher Polstersessel fühlen sie sich pudelwohl, auch wegen des Publikums und der persönlichen Note. Der Dank von der Bühne ging ans Organisationsteam rund um den "lieben Hans (van Triel) und Karl-Heinz (Elmer)". Carrington-Brown, das klingt nach Duo, ist aber irgendwie ein Trio. Joe ist dabei, und das personifizierte Eigenleben des Instruments ist immer wieder Anlass für Koketterie und englisch überdrehten Humor. Die heimliche Dreierbeziehung zwischen Joe und dem Ehepaar Rebbecca Carrington und Colin Brown ist so etwas wie ein Running Gag bei der Hatz durch die Musikstile und die temporeichen kabarettistischen Einsprengsel.

Die Briten aus London, die seit zehn Jahren in Berlin leben und Deutschland richtig mögen, sind nicht nur deshalb einzigartig. Sie sind auch showbegabt und mit einer außergewöhnlichen musikalischen Energie ausgestattet. Ihr Auftritt ist zudem klug durchkomponiert mit wilden Wechseln von trockenem bis albernem Humor und hochkarätigen bis eigenwilligen Musikeinlagen, die oft berühmte Songs ganz anders interpretieren.

Mit ihrem Cello dominiert Rebecca Carrington, die klassisch Ausgebildete, die Stücke, streicht es konzertant, rockt es bassdröhnend, zieht es schräg als Gitarre auf den Schoß oder lässt es jazzig improvisieren. Sie ist eine glänzende Sängerin, ihr Sopran ist stimmgewaltiges Instrument in bissig ironischen Collagen. Colin Brown ist der coole Sänger und Tänzer, auch ein bisschen Comedian, der schon mal in der Krachledernen die Bühne entert oder als Michael Jackson auf Marilyn Monroe trifft. Witzig-bissig, wenn das "Trio" deutsche Erfahrungen bühnenreif verarbeitet. Bei "Für mich soll's deutsche Regeln regnen" ist Verlass auf Joes starke Saiten, beim "Steuerberater-Blues" leidet man lachend mit. Bach und Beatles, Filmmusiken aus James Bond, Country, Reggae. Oder Britpop wie von Robin Williams, mit dem Brown einst auf Tournee war: "Let me entertain you", sang er. Das war dieser Abend wirklich: Entertainment.

(thh)
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