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Wesel
Lehrer contra Terrorfahnder

Wesel. Ein Oberstudienrat gerät beim Besuch seines alten Weseler Gymnasiums, dem heutigen Amtsgericht, in Terrorverdacht. Weil er das Gebäude fotografiert, wird sein Kennzeichen notiert. Dann steht die Polizei vor der Tür. Von Klaus Nikolei

Wie schnell unbescholtene Bürger in Zeiten der Terrorwarnung ins Visier der Fahnder geraten und wie potenzielle Straftäter behandelt werden, hat jetzt der Mülheimer Oberstudienrat Albert K. (Name geändert) nach einem Besuch in Wesel am eigenen Leibe erfahren.

Gut 40 Jahre lang ist Albert K. nicht mehr in Wesel gewesen, wo er mit seinen Eltern in den 70ern drei Jahre lang gelebt hat. Als seine Frau, Fachleiterin am Studienseminar Oberhausen, zu einem Unterrichtsbesuch ins Konrad-Duden-Gymnasium fährt, begleitet er sie spontan, um die Orte vergangener Kindertage zu besuchen.

Zu Fuß erkundet er die Stadt und lernt dabei einige nette Weseler kennen, die ihn auf der Suche nach seinem alten Gymnasium zum AVG an der Ritterstraße schicken. Dort erfährt er von einer Lehrerin, dass in dem Gebäude des damals Staatlichen Gymnasiums Wesel (heute KDG, Feldmark) seit vielen Jahren das Amtsgericht untergebracht ist.

"Als ich dann vor meiner alten Schule stand, waren alle Erinnungen an die Zeit, in der ich die Klassen fünf und sechs besucht habe, wieder da", sagt Albert K. Beim Eintritt in den Altbau habe er sofort "den übergroßen Schulranzen auf meinen Schultern gespürt und den Geruch von Bohnerwachs und Schulmilch in der Nase gehabt".

Seine Bitte, die er durch die Wechselsprechanlage dem Justizmitarbeiter hinter der Sicherheitsschleuse mitteilt, einen kurzen Blick in die Flure werfen zu dürfen, wird mit Bedauern und einem "leicht barschen Ton" abgeschlagen. Es sei niemand mehr da, das Gericht schließe gleich um 16 Uhr. "Ich war so enttäuscht, dass ich dachte, dass ich wenigstens von der Treppe ein paar Fotos machen könnte." Eine Aktion mit Folgen, da Albert K. auch noch einige Bilder vom Gebäude selbst und dem ehemaligen Schulhof macht, der heute als Parkplatz genutzt wird.

"Ich sehe nicht islamistisch aus"

Dreieinhalb Stunden später, Albert K. ist mit seiner Frau wieder zu Hause in Mülheim angekommen, klingelt es an der Tür. Drei Fahnder in Zivil aus Essen zeigen ihre Dienstausweise und bitten um ein Gespräch. Es kommt zu einem "verhörartigen Dialog", in dem der völlig perplexe Oberstudienrat erfährt, dass dem Weseler Justizmitarbeiter sein Verhalten "merkwürdig vorgekommen" sei. "Die Polizeibeamten erklärten mir, dass seit einiger Zeit ein schwarzer Geländewagen im Bereich des Amtsgerichts unterwegs sei. Da wir auch ein solches Auto fahren und ich, ohne mir irgendetwas dabei zu denken, Fotos gemacht habe, hat man unser Kennzeichen notiert und einen Zusammenhang konstruiert. Obwohl ich bestimmt nicht besonders islamisch oder gefährlich aussehe."

Der Phase der Sprachlosigkeit folgte die Wut. "Nachdem die Beamten gegangen sind, waren wir beide echt baff, konnten 45 Minuten praktisch nichts sagen. Und dann stieg die Empörung in uns hoch. So wird aus einer Lappalie eine große Sache gemacht, ein riesiger Beamtenapparat in Bewegung gesetzt und Steuergelder verpulvert."

Zwei Telefonate, eines mit dem Amtsgericht und eines mit der Weseler Polizei, hat Albert K. geführt. Ein Gerichtssprecher habe sich entschuldigt und um Verständnis gebeten. Für die Polizei sei die Sache mittlerweile erledigt. Nicht aber für den Mülheimer, der die Polizeiaktion für "einen tiefen Eingriff in die Privatsphäre" hält und nicht weiß, was nun mit seinen Daten passiert. Er fragt sich, "ob sie nicht vielleicht doch irgendwo in einer Gefährderdatei gespeichert werden".

Für Albert K. ist die ganze Sache ein Beweis dafür, "wie in Zeiten der Terrorwarnung bei den Behörden die Nerven blank liegen".

Quelle: RP
 
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