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Niederrhein
Loveparade: Die Katastrophe wirkt bis heute in Duisburg nach

Niederrhein: Loveparade: Die Katastrophe wirkt bis heute in Duisburg nach
FOTO: ARchiv
Niederrhein. Die Abwahl von Oberbürgermeister Adolf Sauerland war wohl die entscheidendste Aktion nach dem Unglück vor fünf Jahren. Von Hildegard Chudobba

Die Nachricht von den 21 Todesopfern bei der Loveparade auf dem Güterbahnhofsgelände legte sich vor fünf Jahren Monate lang wie ein schwarzer Mantel über Duisburg. Hilflos und gelähmt wie Teile der damaligen handlungsunfähigen Stadtspitze suchten die Bürger in ihrer aufrichtigen Anteilnahme mit den trauernden Hinterbliebenen nach Antworten auf die bis heute nicht geklärte Frage: "Wie konnte das nur passieren?"

Die Schockstarre war so groß, weil das Unglück die Stadt in einer Phase traf, in der sie an den Aufschwung glaubte und plötzlich wie ein Fallschirmspringer aus großer Höhe auf den Boden der Realität knallte. Aus dieser kollektiven Erschütterung entwickelten sich zahlreiche Aktivitäten und Initiativen, deren Sinnhaftigkeit zum Teil strittig war und ist.

Loveparade in Duisburg: Fünf Jahre nach der Katastrophe FOTO: dpa, rwe fg kno

Die entscheidendste Aktion: die Abwahl von Oberbürgermeister Sauerland im Jahr Eins nach dem Unglück.

Die augenfälligste Aktion: die 21 Magnolienbäume in den rostigen Kübeln vor dem Hauptbahnhof, und die Gedenkstätte auf dem Güterbahnhofsgelände.

Chronik: Loveparade-Tragödie und ihre bisherige Aufarbeitung

Die Duisburger haben längst mit dem für sie so leidigen Thema abgeschlossen. Sie warten allenfalls noch auf das juristische Nachspiel, ohne sich auf breiter Front darüber zu empören, dass das Gerichtsverfahren noch nicht terminiert ist und dass bis heute nicht einmal sicher feststeht, ob es überhaupt eröffnet wird. Lediglich bei den Zivilprozessen gibt es schon Bewegung.

Zeugt die Haltung der Bürger von Gleichgültigkeit? Vielleicht. Vielleicht ist aber auch ein Grund, dass die persönlichen Beziehungen zu den Todesopfern nicht gegeben sind. Und: Das Leben geht weiter. Mit kollektiver Betroffenheit ist Duisburg nicht gedient. Denn die Stadt hat es eh schwer genug. Mit dem 24. Juli 2010 sank Duisburgs Image auf den absoluten Tiefpunkt. Es war, als sei ein Stempel aufgedrückt worden mit der Aufforderung: "Nicht betreten, Lebensgefahr!" Bis heute ist er nicht entfernt.

Die Zugangsrampe - der Unglücksort FOTO: ddp

Eine Hiobsbotschaft löste nach der Katastrophe die nächste ab, Erfolgsmeldungen blieben aus. Und mancher bekam das Gefühl, von Außenstehenden als Duisburger nur noch mitleidig bedauert zu werden. Wie groß bei den Bürgern hier die Sehnsucht nach guten Botschaften ist, hat sich gerade erst im Fall des MSV gezeigt: Da wird der Aufstieg einer Drittligamannschaft gefeiert, als hätte sie die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions-League gleichzeitig geholt. Endlich mal wieder was Schönes, endlich mal wieder kollektive Freude und Feierlaune!

Denn ob Karneval oder Kleingartenfest - wo der private Rahmen gesprengt wird, müssen aufwendige Sicherheitskonzepte her, werden Auflagen gemacht, die den Organisatoren bei der Vorbereitung den Spaß an der Freud nehmen, wird Vorsorge getroffen für den Fall aller Fälle. Auch für den unwahrscheinlichsten überhaupt. Die Sicherheitsauflagen gelten zwar landesweit, aber hier wird unter dem Eindruck der Loveparade-Katastrophe ganz genau hingeschaut. Hier wirkt die Katastrophe in jedem Fall bis heute nach. Und wo noch?

- In der Politik: Die CDU zum Beispiel, der der abgewählte OB angehört, ist quasi abgetaucht aus Angst, wieder mit dem Unglück in Zusammenhang gebracht zu werden.

- In der Stadtspitze: OB Link ist angetreten, Duisburg den Neuanfang zu bringen. In Bezug auf den Umgang mit der Katastrophe hat er den Beweis erbracht, vor allem mit seiner Rede beim ersten Jahresgedächtnis.

- In der Wirtschaft: Die örtliche IHK hat zusammen mit dem Unternehmerverband gerade eine Initiative auf die Beine gestellt, die für neue Impulse sorgen soll - gemeinsame Anstrengungen, um das Stadtimage wieder aufzupolieren, um ortsansässsige Firmen zu Investitionen zu ermuntern und neue hierher zu locken - alles getreu dem Motto: Die Stadt ist hundertmal besser als ihr Ruf.

- In der Bevölkerung: Sie hat, so scheint es, das Vertrauen in all die "da oben" in den vergangenen fünf Jahren zunehmend verloren. An den Neuanfang glauben die Duisburger genau so wenig wie an den Weihnachtsmann. Unzufriedenheit macht sich breit.

Und die ist das größte Hemmnis dafür, dass Duisburg nicht frei atmen kann, größer als der Makel der Loveparade-Katastrophe.

Quelle: RP
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