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Wesel
Mit dem Bus weg von der Dahlen-Mühle

Wesel: Mit dem Bus weg von der Dahlen-Mühle
In den 60er und 70er Jahren in Sevelen im Schatten der Dahlen-Mühle groß werden, das hieß Bolzen auf der Wiese, auf dem Rasenplatz hinter der Schule, denn da standen richtige Handballtore, oder auch in einer Baugrube in der Nachbarschaft. Das war die Freizeitbeschäftigung Nummer eins. FOTO: Gerhard Seybert
Wesel. Eine Metropole ist Wanne-Eickel weiß Gott nicht. Doch dass es sich um eine deutlich größere Stadt als Sevelen handelt, merkte selbst ich als knapp Achtjähriger nach dem Umzug der Familie ins "Hexenland", auch wenn der Weg zur Schule ungefähr gleich lang war. Von Michael Klatt

Ganz neue Unterrichtsthemen begegneten dem Ruhrgebietler in der Dorf-Volksschule. Ausgerechnet er wurde nach vorne gerufen, als es darum ging, aus den vier Getreidehalmen, die im Papierkorb platziert waren, die Gerste herauszusuchen. Reiner Zufall, dass der kleine Michael richtig lag und das erste Lob der Klassenlehrerin einheimste.

Bolzen auf der Wiese, auf dem Rasenplatz hinter der Schule, denn da standen richtige Handballtore, oder auch in einer Baugrube in der Nachbarschaft - das war die Freizeitbeschäftigung Nummer eins. Das änderte sich mit dem Erreichen der Pubertät und der damit zusammenhängenden Neuorientierung. Wie die Clique zusammenfand, lässt sich gar nicht mehr so genau rekonstruieren. Sie zerfiel in diverse Untergruppen, zum Beispiel einen "Männer"-Kegelclub. Zusammen gefeiert wurde auf den beiden großen Sevelener Festen des Jahres, im Karneval und auf der Kirmes.

Der Autor heute. FOTO: G.S.

Seinen eigenen Reiz entwickelte der Altweiberball bei Baumanns im Saal. Das war für die Mädchen immer eine schweißtreibende Angelegenheit, denn sie tanzten den ganzen Abend in altmodischen, vorwiegend schwarzen, Kleidern und hatten eine Plastikmaske vorm Gesicht. Erst um Mitternacht durfte die abgenommen werden. War dann der Tanzpartner derjenige, mit dem man "ging", gab's einen innigen Kuss. Der nächste Griff der Möhnen nach dem Hitzestau galt einer Flasche mit kühlem Getränk. Zuvor war, der Maske wegen, die Flüssigkeitsaufnahme nur per Strohhalm möglich. Dass der Kegelclub beim Schubkarrenrennen am Rosenmontag mit einem eigenen Wagen mitmachte, war Ehrensache. Wer bei dem "Rennen" siegte, hat oft noch nicht mal die Teilnehmer selbst brennend interessiert.

Geschlossen ging die Truppe auch ins Kirmeszelt. Die jeweiligen Eltern saßen in der Regel nur ein paar Tische weiter - was für den Nachschub der durch Auto-Scooter, Schießbude und Würstchenstand strapazierten Kirmesgeldkasse von Vorteil war. Man wollte ja, bei schmalem Budget, doch auch spendabel sein. Diebels Alt, KöPi, Persico und Apfelkorn wurden normalerweise tablettweise geordert. Und ich als Nichtraucher schnorrte später am Abend bei den Rauchern in der Runde Glimmstängel aller Marken. Nur um am Ende festzustellen, dass sie mir alle gleich schlecht schmeckten. Auch so wird man Nichtraucher.

Die wichtigste Verbindung von Sevelen zur Außenwelt war für mich als Nicht-Mofa-Fahrer die Niag-Linie 32. Nicht nur, weil die mich jeden Morgen nach Geldern zum Friedrich-Spee-Gymnasium brachte.

Der Bus war auch unverzichtbar für das Erreichen der "Schüler-Disco" mittwochs bei Groterhorst. Wer bei der Tanzschule Axmann die ersten Schritte auf dem Parkett machte - und das waren damals in Geldern und Umgebung so gut wie alle -, hatte da die Gelegenheit, seine Disco-Fox- und anderen tänzerischen Fertigkeiten in freier Wildbahn auszuprobieren. "Dancing Queen" von Abba lief damals rauf und runter, während aller Augen sich auf das schönste Mädchen im Saal richteten. Sie hatte damals lange blonde Haare und lebt immer noch in Geldern.

Die Herzogstadt blieb von da an Lebensmittelpunkt, zumindest was die Freizeitgestaltung anging. Drei Schallplattenläden gab es in den 70ern. Viel Geld floss in den Kauf von Singles (für die Spätgeborenen: kleine Vinylscheiben mit je einem Song auf A- und B-Seite, abspielbar mit 45 Umdrehungen pro Minute). 1975 kam mit "Wish You Were Here" von Pink Floyd die erste LP ins Plattenregal.

Gemeinsam Musik hören brachte noch mehr Spaß. In wechselnden Wohnzimmern war "Rockpalast"-Zeit. Die legendäre Musik-Show des WDR konnte nur auf folgende einzig mögliche Weise konsumiert werden: Fernseher an, dort den Ton aus, und parallel auf der Stereo-Anlage die Radioübertragung laufen lassen - Boxentest vom Feinsten in immer langen Nächten.

Sehr viel kürzer waren die Disco-Ausflüge auch nicht, obwohl ich mich nicht zu den typischen Disco-Gängern zählte. Sporadisch ging's zur Mühle in Kevelaer und in die E 3 nach Straelen. Fast sagenumwoben in Geldern: das Pam Pam. Zwei- oder dreimal war ich da, ließ das damals noch deutlich längere Haar kreisen. Und ehrlich: So ein Sündenpfuhl, wie ihn die Älteren immer sahen, ist der Laden wohl nie gewesen. Wesentlich häufiger tauchte ich später in der "Queen" auf, wo die im Vergleich zur "E-dry" deutlich härteren Klänge aufgelegt wurden.

Apropos harte Klänge: Mit dem reinen Musikkonsum gab ich mich als 14-/15-Jähriger nicht mehr zufrieden. Mit zwei Freunden gründete ich in Sevelen eine Band. Die beiden hatten schon E-Gitarren. Fehlten noch ein Schlagzeuger und ein Bassist. Wir übten in einer Garage, ich trommelte auf Kochtöpfen und Waschmitteleimern, bis aus dem Nachbarort Rheurdt einer mit einem richtigen Drum-Set auftauchte. So wurde ich Bassist. Die Eltern spendierten mir für etwa 300 Mark einen Jazz-Bass-Nachbau, der erste Verstärker kam aus einem Musikhaus in Kamp-Lintfort. Wir nannten uns "Creazy" und probten in einem ziemlich feuchten Bunker, der zugleich als Fetenraum genutzt wurde.

Die Musik war ziemlich laut, schnell und selten hatten die Songs mehr als drei Akkorde. Ein paar Jahre später schallte ähnliches Zeugs aus einer anderen Ecke Europas als Punk herüber.

Quelle: RP
 
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