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Wesel
"Mittelstand fehlt die Wertschätzung"

Wesel: "Mittelstand fehlt die Wertschätzung"
Lencke Steiner, die als Spitzenkandidatin der Bremer FDP für den Bundestag im Herbst kandidieren will, erhielt für ihren Vortrag im Saal der Gaststätte Schepers reichlich Beifall. FOTO: KLaus Nikolei
Wesel. Lencke Steiner, Fraktionsvorsitzende der FDP in der Bremer Bürgerschaft und bekannt als Promi-Unternehmerin in der TV-Show "Die Höhle der Löwen", gewann beim Grünkohl-Essen der Weseler Liberalen die Sympathie ihrer Zuhörer. Von Klaus Nikolei

Durch die Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen" auf Vox, in der Firmengründer prominenten Unternehmern ihre Geschäftsideen vorstellen und um finanzielle und fachliche Hilfestellung bitten, wurde Lencke Steiner 2014 und 2015 einem Millionen-Publikum bekannt. Und zwar als hanseatisch leicht unterkühlte Tochter eines Bremer Verpackungsunternehmers, die sich nach Ansicht von Kritikern nicht unbedingt durch große Investitionslust hervorgetan hat.

Wie anders präsentierte sich die 31 Jahre alte FDP-Fraktionsvorsitzende der Bremer Bürgerschaft am Mittwochabend während des traditionellen Grünkohl-Essens der Weseler Liberalen im sehr gut gefüllten Saal der Gaststätte Schepers in Obrighoven. Locker und gut gelaunt trat die frühere Bundesvorsitzende des Wirtschaftsverbandes "Die Jungen Unternehmer" (BJU) eine gute Viertelstunde später als angekündigt ans Rednerpult, um unter anderem von ihrer politischen Karriere zu erzählen, die vor zwei Jahren für Aufsehen gesorgt hat.

Als jemand, "der mit Politik zuvor nichts zu tun hatte", gelang es Lencke Steiner damals mit einem ungewöhnlichen Wahlkampf (Auftaktparty in der Ostkurven-VIP-Lounge des Weserstadions) die Rückkehr der Liberalen ins Rathaus ihrer Heimatstadt. Und im Herbst will sie - wie auch Wesels Fraktionschef Bernd Reuther - in den Bundestag in Berlin einziehen, um für liberale Ziele zu streiten. Bei der Wahl 2013 war die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert.

Zwei Dinge liegen Lencke Steiner besonders am Herzen: der Mittelstand und das Thema Generationengerechtigkeit. "Die mittelständischen Unternehmer, bei denen 80 Prozent der Menschen beschäftigt sind, erfahren von den anderen Parteien nicht die nötige Wertschätzung." Dabei seien es gerade die Handwerksbetriebe sowie die kleineren und mittleren Firmen, die die jungen Leute ausbilden, "die kein Einser-Abitur machen. Aber wir Mittelständler sind bereit, an diese jungen Leute zu glauben und ihnen eine Chance zu geben."

Des Weiteren lobte Lencke Steiner in ihrem Vortrag die Standorttreue der Mittelständler. "Bis die einmal aus der Region wegziehen, muss viel passieren. Diese Standorttreue wird von vielen völlig unterschätzt."

Lencke Steiner sprach auch das Thema Steuergerechtigkeit an ("Mit uns wird es keine Vermögenssteuern geben"), geißelte die Neidgesellschaft und beklagte die fehlende Kultur des Scheiterns. "Es wollen sich zu wenige junge Leute selbstständig machen, obwohl man mit einer guten Idee, einer Vision, eine Chance hat. Das Problem ist oft, dass ein Scheitern als Fehler betrachtet wird. Wir müssen dazu kommen, einem die Hand zu reichen, wenn er am Boden liegt. Ich glaube, die Politik kann die Rahmenbedingungen dazu schaffen."

Beim Thema Generationengerechtigkeit kam Lencke Steiner schnell auf die zum Teil mangelhaften Kenntnisse von jungen Bewerbern bei Prozentrechnung und Dreisatz zu sprechen. Auch würden immer mehr Anschreiben im SMS-Handy-Stil verfasst. "Der Föderalismus in der Bildung ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Das Ziel muss sein, Schüler in allen Bundesländern gleichermaßen ausbildungsfähig zu machen."

Auch bei der Rente muss sich nach Ansicht der ehrgeizigen Politikerin einiges ändern. Denn: "Der Generationenvertrag klappt so nicht mehr. Wir brauchen ein neues Modell, das auf den drei Säulen private, betriebliche und gesetzliche Rente beruht." Der Eintritt in den Ruhestand müsse flexibler sein. Schließlich habe sie noch nie einen Dachdecker erlebt, der mit 63 noch arbeitet. "Es hängt halt sehr viel von der Tätigkeit ab. Mein Vater ist 74 und kommt noch jeden Tag ins Büro. Jeder sollte selbst entscheiden, wann er aufhört."

Zum Abschluss forderte sie in Zeiten von No-go-Areas eine bessere Ausstattung der Polizei und Richter, die die "Gesetze verdammt noch mal anwenden". Auch gegen Flüchtlinge, die sich nicht an Regeln halten. Es gab reichlich Beifall für Lencke Steiner, die sich anschließend den Grünkohl mit Mettwurst schmecken ließ - und das Gespräch mit den Weselern suchte.

Quelle: RP
 
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