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Wesel
Musik-Sternstunden beim Sommerton

Wesel: Sommerton-Festival am Schloss Diersfordt 2015
Wesel: Sommerton-Festival am Schloss Diersfordt 2015 FOTO: Guido Diesing
Wesel. Programmchef Wilfried Schaus-Sahm stellte ein Programm zusammen, das qualitativ schwer zu toppen sein wird. Von Guido Diesing

Zum dritten Mal lockten Weltmusik und Jazz ins Konzertzelt des Sommerton-Festivals am Schloss Diersfordt. In diesem Jahr strahlten Sonne und Veranstalter um die Wette: Programm und Wetter waren gleichermaßen erstklassig. Schon vor dem sonntäglichen Abschlusskonzert in der Schlosskirche stand fest: Das Festival 2015 wartete mit einer Dichte an musikalischen Sternstunden auf, die in Zukunft schwer zu übertreffen sein wird. Sechs Konzerte auf hohem bis höchstem Niveau ließen die Grenzen zwischen Weltmusik und Jazz verschwimmen, bis Stilgrenzen jede Bedeutung verloren und nur noch die Musik im Mittelpunkt stand, ganz gleich, wie man sie nun nennen will.

Catrin Finch mit Seckou Keita, der walisische Pianist Gwilym Simcock und Geiger Félix Lajkó (l.), der mit Antal Brasnyó auftrat. FOTO: Malz

Programmchef Wilfried Schaus-Sahm bewies erneut seine Gabe, Künstler zu finden, die einem neugierigen Publikum Musikerlebnisse fernab des routinierten Konzertbetriebs bescheren. Die freundliche Atmosphäre der vergleichsweise kleinen Veranstaltung ist wie dafür geschaffen, auch die Musiker zu Höchstleistungen zu inspirieren.

Große Stimmen Zwei außergewöhnliche Sängerinnen - völlig unterschiedlich - schenkten dem Festival einen stimmigen stimmlichen Schwerpunkt - ausdrucksstark und persönlich. Eine Deutschland-Premiere erlebten die Zuschauer beim Konzert des Trios der Bosnierin Amira Medunjanin. Mit ihren am Jazz geschulten Mitspielern Bojan Z (Klavier) und Nenad Vasilic (Kontrabass) gab sie der tieftraurigen Sevdah-Musik ihrer Heimat neue Impulse. Mit warmer, runder Stimme vermittelte sie zwischen Balkanballaden und Jazz. Ihr bewegendes unbegleitetes Lied "Emina" als Zugabe ließ den Atem stocken.

Catrin Finch mit Seckou Keita, der walisische Pianist Gwilym Simcock und Geiger Félix Lajkó (l.), der mit Antal Brasnyó auftrat. FOTO: Malz

Eine gegensätzliche Energie brachte die Portugiesin Maria João auf die Bühne. Zwischen mädchenhaftem Kieksen, tiefem Röhren, Opernparodien und Hechelgeräuschen machte sie klar: Bei ihr geht Ausdruck vor Schönheit. Einige Zuschauer waren zwar nicht bereit, sich auf die stimmlichen Experimente einzulassen, die übrigen feierten die Sängerin umso lauter. Ein originelles Lob auf Deutsch hatte die 59-Jährige für ihre Band parat: "Ich bin so glücklich, mit diesen braven Buben zu singen."

Jazz Mit dem italienischen Trompeter Enrico Rava war eine europäische Jazzlegende zu Gast. Im Duo mit dem Pianisten Stefano Bollani legte der 76-Jährige einen Auftritt hin, der vor intelligentem Witz nur so funkelte. Aufmerksam traten die beiden in musikalische Dialoge. Ihre fast kindliche Freude daran, sich gegenseitig zu überraschen, übertrug sich auf die Zuschauer. Selten, dass es beim Jazz so viel zu lachen gibt, und umso schöner, wenn über den Klamauk die musikalische Substanz nie verlorengeht.

Auch der junge walisische Pianist Gwilym Simcock, der den Samstag mit einem begeisternden Solokonzert eröffnete, verstand es mit trockenem britischem Humor, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. In seiner Musik zwischen Jazz und Klassik treffen sich Samuel Barber und Chick Corea, Edvard Grieg und John Taylor.

Neue Namen Eine Spezialität des Festivals ist und bleibt es, Musiker zu präsentieren, die hierzulande erst noch zu entdecken sind. In diesem Jahr war das etwa der ungarisch-serbische Geiger Félix Lajkó, der mit Antal Brasnyó (Bratsche) auftrat. Ein denkbar ungleiches Paar - expressiv und leidenschaftlich der Geiger, stoisch und unbeeindruckt sein Begleiter. Bis ins rasanteste Tempo meisterten sie ihre stark von ungarischer Folklore beeinflusste Musik mit erstaunlicher Leichtigkeit. Auch wenn sich einige Stücke im Aufbau ähnelten, rissen das eng verzahnte Zusammenspiel und die verblüffende Virtuosität der beiden Streicher bis zum Schluss mit.

Im Duo von Catrin Finch und Seckou Keita begegnete die klassische Konzertharfe ihrer westafrikanischen Großcousine, der Kora, in einem buchstäblich vielsaitigen Klang. Meist war es der Senegalese Keita, der in der beruhigend und meditativ dahinfließenden Musik für Akzente sorgte und sie davor bewahrte, allzu simpel daherzukommen. Das Aufeinandertreffen von westlicher und afrikanischer Kultur wurde von den rund 500 Zuschauern mit stehenden Ovationen gefeiert. Ein Beleg dafür, dass das Sommerton-Festival ein guter Ort für musikalische Entdeckungen ist, auf deren Qualität man sich verlassen kann.

Quelle: RP
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