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Interview
Musikverrückte holen Legenden ins Schloss

Wesel. Sommerton Festival in Diersfordt: Wilfried Schaus-Sahm über den Stand der Vorbereitungen, die Aufgabe, hochrangige Interpreten zu locken, und das Projekt, mehr junge Zuschauer zu erreichen.

WESEL Schloss Diersfordt wird vom 28. bis 30. August zum Anziehungspunkt für Musikfreunde aus nah und fern. Internationale Jazzlegenden an drei Tagen im historischen Ambiente - wer hat solch eine Kombination schon zu bieten? Beim Sommerton Festival sind unter anderem dabei Trompeter Enrico Riva und Pianist Stefano Bollani, der Saxofonist John Surman, Harfenistin Catrin Finch, die bosnische Diva Amira Medunjanin mit ihrem Trio. Jazz-Sängerin Maria Joao kommt aus Portugal, Felix Lajkos mit Roma-Musik, Klezmer und Jazz aus Ungarn. Pianist Gwilym Simrock aus England, der durch ein Konzert auf Schloss Elmau international bekannt wurde, spielt einen Soloauftritt. Die RP sprach mit Festival-Macher Wilfried Schaus-Sahm darüber, wie Wesel auf die Festival-Landkarte kam und was das Ereignis für das Team von zehn Musik-Enthusiasten bedeutet.

Wie es einem internationalen Musikfestival entspricht, umspannt Sommerton wieder eine breite Palette weltweiter Musik-Kulturen. Welche davon mögen Sie am liebsten?

Wilfried Schaus-Sahm Das ist schwierig zu sagen, aber ich bin ein großer Fan der Musik des Mittelmeerraums und des Orients. Ich mag die Oud, die arabische Laute. Ich höre gerne indische Musik oder auch Flamenco. Ich habe ja lange Zeit - von 1997 bis 2008 - das Traumzeit-Festival in Duisburg organisiert. Deshalb besuche ich seit Langem die Messe der Weltmusik Womex, da bekommt man umfassende Eindrücke. 2014 habe ich da erstmals Sevdah-Musik gehört, also den Blues Bosniens. Ich war fasziniert, nun kommt Sevdah-Sängerin Amira Medunjanin ins Festzelt. Was ich sagen will ist, dass sich meine Vorlieben ändern können. Ziel des Festivals ist es, den Zuhörern Fenster zur Musik zu öffnen und frische zeitgenössische Musik nach Wesel zu bringen. Das ist nicht was für Freaks und Spezialisten, sondern für alle, die Freude an der Musik haben.

Wie ist eigentlich die Resonanz in Wesel und am Niederrhein, oder woher kommen die Jazz-Freunde sonst?

Schaus-Sahm Das Publikum ist vielschichtig, da kommen Fachleute aus ganz Deutschland, die bestimmte Künstler hören wollen. Der Aspekt, nach Wesel zu kommen, ist deshalb auch für die Stadt interessant. Daraus könnte das Stadtmarketing etwas machen. Dazu kommen treue Fans der alten Traumzeit aus Duisburg. Erfreulich: Letztes Jahr war festzustellen, dass sich die Zahl der Besucher, die vom Niederrhein kommen, ständig erhöht hat.

Wie läuft der Vorverkauf?

Schaus-Sahm Gut. Die Veranstaltung am Sonntag ist fast ausverkauft. Erkennbar ist der Effekt, auf den wir gehofft haben, nämlich dass die Leute den ganzen Kuchen haben wollen. Wir haben allein 120 Festivalpässe für alle Veranstaltungen verkauft, ohne dass das Programm feststand. Die Besucher haben Vertrauen in unser Programm und unsere Fähigkeit, Qualität zu bieten. Man kann nach wie vor auch Einzeltickets für Freitag und Samstag kaufen, für den Sonntag muss man sich beeilen. Denn für den einen ist Maria João der Star, für den anderen Catrin Finch, wieder andere möchten Enrico Rava, den Grandseigneur des italienischen Jazz, hören. Sie sind mit Einzelkarten gut bedient.

Große Namen, große Kosten. Wie geht das?

Schaus-Sahm Die Grundlage der Finanzierung und somit des Festivals leistet unser Vereinsmitglied Dr. Michael Patt durch seine unglaubliche Sponsoringakquise. Sponsor Holemans etwa unterstützt den Auftritt von Catrin Finch und Seckou Keita. Wenn das Budget steht, beginnt meine Arbeit, und ich verhandele mit dem jeweiligen Management und sehe, was geht. Technik kostet, die Zeltmiete ebenfalls. Das Zelt sieht ja aus wie ein Festzelt, darin ist aber alles hochprofessionell mit einer exquisiten Soundanlage und einer hoch qualifizierten Crew, die abmischt. Die Reisen müssen bezahlt werden, gute Hotels für die Musiker sind vertragsgemäß Pflicht. Das Waldhotel Tannenhäuschen ist die perfekte Wahl. Wir sind glücklich, dass wir hier in Wesel gelandet sind.

Sie sind der Festival-Macher. Sehen Sie sich selbst so? Wie ist ein ehrgeiziges Projekt wie Sommerton überhaupt von Ehrenamtlichen zu stemmen?

Schaus-Sahm Ich habe einen bestimmten Part in dem Ensemble. Ich mache das Programm. Aber das Festival ist Teamarbeit von zehn Ehrenamtlichen von Sommerton. Wir sind alle Musikverrückte, wir kriegen keinen Cent für unser Engagement und zahlen auch noch drauf. Uns macht die Arbeit einfach Freude, darauf kommt es an.

Was wünschen Sie sich fürs Sommerton-Festival?

Schaus-Sahm Ich wünsche mir zufriedene Zuschauer und glückliche Musiker. Unser Publikum ist erfahrungsgemäß von 40 Jahren an aufwärts, aber das Festival ist auch was für junge Leute. In diesem Jahr versuchen wir eine besondere Aktion für sie zu starten. Das geht über die Preisgestaltung, wir suchen auch direkt den Kontakt zu Musikschulen. Da sind wir dran.

THOMAS HESSE FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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