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Wesel
Punktlandung per Fallschirm

Fallschirmjäger über Rees
Fallschirmjäger über Rees FOTO: Andreas Endermann
Wesel. Rund 1000 Zuschauer verfolgten bei Rees den Absprung von 120 englischen, amerikanischen, holländischen und deutschen Fallschirmjägern. Anlass war der 65. Jahrestag der Luftlandung der Alliierten. Von Bernd Finke

Samstag gegen 14 Uhr in Speldrop: Am Rand der Ackerfläche von Theo Köster haben sich mehr als 1000 Menschen aus Rees und Hamminkeln und von anderswo eingefunden, um bei heiterem Wetter und einer leichten Brise – für Kuchen, Kaffee und Getränke ist dank der Landfrauen aus Hamminkeln ebenfalls gesorgt – den Absprung von insgesamt 120 englischen, amerikanischen, holländischen und deutschen Fallschirmjägern live zu verfolgen.

Unter den Zuschauern befinden sich Bürgermeister Holger Schlierf aus Hamminkeln und sein Reeser Vize-Amtskollege Harry Schulz. Auch Buchautor Johann Nitrowski (82) hat es sich nicht nehmen lassen, das wegen der Windenergieanlagen, dem Industriegebiet und den Baggerseen in Hamminkeln nach Rees verlegte Schauspiel hautnah mitzuerleben.

Und natürlich sind an diesem besonderen Tag, 65 Jahre nach der alliierten Luftlandung in Hamminkeln, die Militärs zahlreich und hochrangig vertreten: die Amerikaner durch den Organisations-Chef, Lieutenant Colonel (LtC) Steven Kalch, die Engländer durch Regimentskommandeur John Handford. Auf deutscher Seite hat Verbindungsoffizier Franz-Josef Dirksen das Sagen. Er betont, dass es hier nicht nur um das Gedenken an die Luftlande-Operation "Varsity" geht, sondern auch um eine militärische Übung für die gewünschte "Interoperabilität" der NATO-Partner, sprich: die Soldaten aus England, Deutschland und Holland sollen lernen, mit den Fallschirmen und der technischen Ausstattung der Amerikaner umzugehen.

"Da hinten kommen Sie", ruft Holger Schlierf, und in der Tat sind nun zwei Flugzeuge am Himmel auszumachen, die rasch näherkommen. Die beiden Maschinen aus dem amerikanischen Stützpunkt im rheinlandpfälzischen Ramstein müssen aber noch eine Warteschleife fliegen, denn die englischen und amerikanischen Kriegsveteranen sind noch nicht eingetroffen, und gerade sie, die am 24. März 1945, die deutsche Flak unter sich wissend, ihr Leben für die Freiheit hatten aufs Spiel setzen müssen, sollen das große Schauspiel natürlich nicht verpassen. Und dann ist es endlich soweit: Erneut fliegen die beiden Transportmaschinen an, aber diesmal öffnen sich in 400 Metern Höhe die Türen und wie in Zeitlupe springen zwei mal 15 von hier unten an Püppchen erinnernde Fallschirmjäger aus den Flugzeugen ab.

Augenblicklich öffnen sich die Fallschirme und kurz danach sind die mutigen Männer mit einer den Aufprall abfedernden Rolle rückwärts sicher und punktgenau gelandet. Wenig später kommen sie mit bereits fertig verpackten Fallschirmen an den Zuschauern vorbei. Spontan brandet Beifall auf, "Well done!"- Rufe sind zu hören. Das Ganze wiederholt sich noch dreimal, dann fliegen die Maschinen ein letztes Mal an, "winken" zum Abschied mit den Flügeln, und die Veranstaltung ist zu Ende.

Die Schaulustigen sind hochzufrieden, ebenso LtC Steven Kalch: "Alles ist so abgelaufen wie es geplant war." Captain Rajesh Ramlakhan, einer der amerikanischen Fallschirmspringer, steht noch unter dem Eindruck seiner einminütigen Luftreise: "Großartig! Worte können das nicht beschreiben."

In seiner Veteranen-Uniform, geschmückt mit zahlreichen Orden, hat Frank Butt (87) die Szenerie verfolgt. Der gebürtige Londoner war vor 65 Jahren über Hamminkeln abgesprungen, kein Freizeit-Sprung wie an diesem Tag in Rees, sondern ein Kampf-Sprung ins Ungewisse, den damals viele seiner englischen und amerikanischen Kameraden nicht überlebten.

Doch das ist lange her, aus den früheren Feinden sind Partner geworden. Freundschaften, die auch bei den offiziellen Feierlichkeiten in Hamminkeln vertieft wurden.

Bericht Seite C 3

HAMMINKELN (db) Die Flagge, die Medihaje Huriglice gestaltet hatte, war nicht der einzige Beitrag, den die Schüler der Heinrich-Meyers- Hauptschule zum Gedenktag lieferten. Schon einige Stunden zuvor hatten sie in der evangelischen Kirche ein Gedicht von Josef Reding vorgetragen. Das Wort Friede stand dabei in verschiedenen Sprachen im Zentrum der Botschaft sowie im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Geleitet wurde dieser vom evangelischen Pastor Stefan Schulz und vom katholischen Pfarrer Gernot Löhnert.

Gebete im Zeichen des Friedens wurden auf Deutsch sowie auf Englisch gesprochen. Dazu verteilten die Schülerinnen und Schüler selbst gebastelte Friedenstauben mit dem Aufdruck des Gedichtes von Josef Reding. Das Wort im Angesicht des Ehrenmals, das 1995 zum Gedenken an die über 1000 Gefallenen Soldaten der 6. British Airborne Division an der Güterstraße gesetzt wurde, hatte dann Reverent Paul Abraham, ein britischer Geistlicher.

Minute des Schweigens

"Warum musste es zu der Operation kommen? Hamminkeln war ein strategisch wichtiger Punkt zur Überquerung des Rheins", erklärte Paul Abraham. Vor drei gehissten Flaggen, die mit ihren Farben die Länder Deutschland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten symbolisierten, sprach der Reverent ein Gebet und forderte: "Lasst uns denen, die im Krieg ihr Leben ließen gedenken. Ganz gleich, welcher Nationalität sie angehörten." Im Anschluss läutete ein Trompetenspiel eine scheinbar endlos dauernde Minute des Schweigens ein. Danach legten Angehörige der Gefallenen einen Kranz vor dem Ehrenmal nieder.

An der bewegenden Gedenkfeier nahmen neben den Familien der Veteranen sowie britischen und amerikanischen Fallschirmspringern auch interessierte Hamminkelner teil. "Ich habe zwar selbst an diesem Tag niemanden verloren. Dennoch denke ich, dass es ein wichtiger Tag für Hamminkeln und das gesamte Land war. Die, die ihr Leben ließen, haben uns befreit", sagte beispielsweise Anne Vogel, die mit ihrem Ehemann zum Ehrenmal an der Güterstraße gekommen war.

Quelle: RP
 
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