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Hamminkeln
Ringenberg will nicht vergessen

Hamminkeln. Am Montag lässt der Künstler Gunter Demnig sieben "Stolpersteine" ins Pflaster an der Hauptstraße. Sie erinnern an die jüdischen Familien Marchand, die bis zum Nazi-Terror mitten im Dorf lebten und dann umgebracht wurden. Von Bernfried Paus

"Das Gesetz der Erlösung heißt Erinnerung. Vergessen wollen verlängert die Verbannung", zitiert Ringenbergs evangelischer Pfarrer Dr. Norbert Ittmann ein altes Wort eines jüdischen Gelehrten und er fügt eine weitere jüdischen Glaubensformel an: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Damit das im Dorf nicht geschieht, schließt sich Ringenberg der bundesweiten Aktion "Stolpersteine" an. Künstler Gunter Demnig fügt Montag (9 Uhr) sieben Messingsteine ins Gehwegpflaster an der Hauptstraße. Sie tragen die Namen der Angehörigen der Familien Isaak und Moses Machand, die hier bis zur Nazi-Barbarei in Frieden lebten, 1942 in Konzentrationslagern ermordet worden sind.

Auf Leiterwagen zum Bahnhof

Ein schlichter Gedenkstein an der Schlossstraße, einst von Heinrich Kemmer entworfen, erinnert seit 1989 an das tragische Schicksal der Marchands, an die sich alte Ringenberger noch heute gut erinnern können. Eine von ihnen ist Margret Gossen (77). Von ihr kam der Anstoß, "Stolpersteine" vor den Häusern Hauptstraße 38 (Sparkasse/Volksbank) und Hauptstraße 32 (Wohn- und Geschäftshaus Pieper) zu platzieren, damit man sich beim Gang durchs Dorf immer wieder an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnern möge – auch wenn's manchen inzwischen schwer fällt.

Margret Gossen hat noch vor Augen, was sie als junges Mädchen gesehen hat: wie Sally, Betty und Bertha Marchand – alle um die 50 – während der Fronleichnamsprozession am 13. Juni 1942 das Dorf verließen. Bertha, gehbehinderte Tochter von Isaak und Franziska Marchand, wurde auf einem Leiterwagen zum Bahnhof nach Hamminkeln gebracht. Die Frauen hatten sich am Schlachthof in Wesel einzufinden. Ihre Eltern – alle weit über 80 – wurden 23. Juli 1942 auf einem Pferdewagen aus Ringenberg gekarrt.

Klaus Frede hat sich für den Heimatverein federführend um die "Stolperstein" bemüht, Zeitzeugen befragt und dabei erfahren, dass die Marchands, Metzger und Viehändler, selbstverständlicher Teil des Dorfes waren, gute Nachbarn und bei Festen stets gern gesehene Gäste. Sogar bei der Theaterspielschar im Schloss spielten sie eine gute Rolle. Die Ringenberger schätzten die jüdischen Familien, einige versorgten sie noch über Hinterhöfe und im Schutze der Dunkelheit mit dem Notwendigsten, als das bereits lebensgefährlich war.

Ihr ihnen verbliebenes Geld, Gebetsriemen, Sterbekleider und andere Dinge, die ihnen heilig waren, hatten sie im Laden von Gerhard Gossen hinterlassen. Es ist alles verbrannt , als das Haus Gossen bei der Luftlandung im März 1945 in Flammen stand. Aber eine Glocke im Turm von Christus König schlägt noch. Sie wurde 1947 als Vermächtnis der Marchands von deren Geld bezahlt. Ihr Name: "Maria".

Quelle: RP
 
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