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Jennifer Berndsen
"Ruhrgebietler zieht's wieder nach Wesel"

Jennifer Berndsen: "Ruhrgebietler zieht's wieder nach Wesel"
FOTO: Malz
Wesel. Jennifer Berndsen, im Immobilienverband Deutschland für die Region zuständig, kennt Trends. Wesel benötigt neue Baugebiete, sagt sie.

WESeL Wenn in Wesel neu gebaut wird, dann in aller Regel barrierefreie Mietwohnungen für die Generation 60 plus, die oft ihre Häuser in den Randgebieten verkauft und in Innenstadtnähe zieht. Doch es gibt noch mehr Trends, von denen die Weseler Kauffrau in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft (IHK) Jennifer Berndsen (38), Mitglied im Vorstand des Immobilienverbandes Deutschland (IVD), im RP-Interview berichtet.

In der Politik heißt es oft, dass Wesel neue Baugebiete benötigt, um junge Familien anzulocken. Ist das auch Ihre Meinung, die Meinung einer Fachfrau?

Jennifer Berndsen Absolut. Ich kenne es aus der eigenen Familie. Ein Cousin, um die 40, möchte gerne mit seiner Familie in Wesel bauen und findet keinen attraktiven Bauplatz. Es wird Zeit, dass das geplante Baugebiet Am Schwan in Lackhausen endlich ausgewiesen wird.

Lackhausen ist sicher einer der bevorzugten Stadtteile. Wohin zieht es junge Familien sonst noch?

Berndsen Lackhausen ist wirklich die Nummer eins in Wesel. Es folgen Obrighoven, Flüren und auch Blumenkamp. Also alles Bereiche, wo die Infrastruktur noch stimmt, wo man vergleichsweise schnell auf der Autobahn ist. Randbezirke wie Bislich, wo es Bauplätze gibt, sind kaum gefragt, weil es dort eben beispielsweise eben keinen Supermarkt in nächster Nähe mehr gibt.

Wenn es praktisch keine Baugebiete in attraktiven Stadtteilen gibt, stehen derzeit ja nur noch Gebrauchtimmobilien für Interessenten zur Verfügung. Wer kauft sie, was kosten sie, und wer verkauft die Häuser?

Berndsen Es ist meist die Generation 60 plus, die sich von ihren Eigenheimen trennt. Die Kinder sind lange aus dem Haus, wohnen im Ausland oder weit vom Niederrhein entfernt. Der Garten ist zu groß, alles wird zu viel. Diese Senioren, die eigentlich mal gebaut haben, um später keine Miete zu zahlen, ziehen heute in barrierefreie Mietwohnungen mit Aufzug, weil es einfach kaum seniorengerechte Eigentumswohnungen gibt. Eine allgemeine Aussage zu Kaufpreisen zu tätigen, ist nicht ganz so einfach. Das hängt von Lage, Zustand und Alter ab. Da muss jedes einzelne Objekt individuell betrachtet werden. Gibt es einen Keller oder einen ausgebauten Spitzboden? Gibt es eine Garage? Um auf Ihre Frage zu antworten, wer kauft, kann ich von einem ganz neuen Trend berichten: Wesel wird wieder für Familien aus dem Ruhrgebiet interessant.

Was ist passiert?

Berndsen Vor Jahren haben Städte wie Essen oder Oberhausen attraktive Neubaugebiete ausgewiesen. Damals hat man keinen Ruhrgebietler nach Wesel locken können. Doch wegen der weiter wachsenden Zahl von Migranten in den Großstädten zieht es immer mehr junge Eltern zu uns. Sie sehen Wesel als "grüne Insel", wo man Kinder gut großziehen kann. Und weil viele Väter Firmenwagen zur Verfügung haben, ist das Pendeln auch kein so großes Problem.

Was ist denn mit den Weselern selbst?

Berndsen Auch gut verdienende Weseler, die vielleicht lange in Großstädten gewohnt haben und jetzt mit kleinen Kindern zurück in die Heimat möchten, wollen gut wohnen. Und sie scheuen davor zurück, alte Immobilien umzubauen aus Zeit- und/oder Lustmangel, sondern wollen lieber nach eigenen Vorstellungen neu bauen. Deshalb wäre die Ausweisung von Neubaugebieten ja auch so wichtig.

Neben dem Bereich Am Schwan soll ja auch irgendwann am Hessenweg zwischen der Emmericher Landstraße und der Bahnlinie ein Neubaugebiet mit Kindertagesstätte entstehen. Was halten Sie von diesem Gebiet?

Berndsen Ich kann nur sagen, dass Häuser unmittelbar an der Bahnlinie stark im Wert sinken. Aber auch dafür gibt es Interessenten. Wenn jemand beispielsweise aus Duisburg-Marxloh in die Feldmark kommt, interessiert ihn die Betuwelinie wenig. Es gibt für alle Objekte Kunden. Wichtig ist, dass der Preis marktgerecht und nicht überzogen ist.

Kommt es denn nicht häufig vor, dass Verkaufswillige falsche Vorstellung haben, was ihre Immobilie tatsächlich wert ist?

Berndsen Häufig ist es so, dass Leute für ihr freistehendes Einfamilienhaus einen überhöhten beziehungsweise nicht marktgerechten Kaufpreis haben möchten, wir aber nach eingehender Markt-Analyse zu dem Schluss kommen, dass ein niedrigerer Kaufpreis realistisch ist. Dann ist im ersten Augenblick das Erstaunen oft groß. Meist lassen sich die Kunden aber durch Argumente überzeugen und sehen ein, dass sie etwas zu optimistisch waren.

Und wenn jemand sagt, dass er überzeugt ist, dass er trotzdem mehr für sein Haus bekommt?

Berndsen Dann dürfen wir ihm viel Glück bei der Suche nach Kaufinteressenten wünschen, dann muss er es leider ohne professionelle Hilfe versuchen.

KLAUS NIKOLEI FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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