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Wesel
Schräge Ansichten eines Kängurus

Wesel. Statt eines Theaterstücks gab's im Bühnenhaus-Studio eine aberwitzige Lesung.

Weil ein Darsteller der Dinslakener Burghofbühne erkrankt ist, musste das ursprünglich geplante Theaterstück "A Clockwork Orange" kurzfristig abgesagt werden. Stattdessen boten Intendant Mirko Schombert und Schauspieler Benedikt Töhnes den rund 50 Gästen im Bühnenhaus-Studio eine szenische Lesung aus dem Roman "Die Känguru-Chroniken" von Marc-Uwe Kling.

Die Geschichte erzählt auf geradezu aberwitzige Weise vom Zusammenleben eines Nachwuchs-Poeten, dem mit avantgardistischer Inkonsequenz nichts gelingt, und einem kommunistisch-anarchistischen Beuteltier. Ist die Ausgangslage schon schräg genug, beginnt der namenlose Mitbewohner auch noch damit, lautstark abstruseste Ideen und Verschwörungstheorien zu entwickeln, die jedoch auf den zweiten Blick gar nicht mal so merkwürdig klingen.

Obwohl sein Freund keinen Fisch mag, kredenzt ihm das Känguru Fischstäbchen zum Abendessen. "Ob du Fischstäbchen, Schnitzel oder sonst was isst, es ist sowieso überall Hähnchen drin", lautet die lapidare Begründung, die laut Känguru in ähnlicher Form auch als Argument für Nichtwähler gelten kann: "Wählen ist so, als ob man sich zwischen einer Tütensuppe von Maggi oder einer von Knorr entscheiden müsste. Am Ende sind beide von Nestlé und enthalten Hähnchen."

Kritisch hinterfragt wird auch der Technikwahn, der dazu führt, dass jedes Gerät mittlerweile computergesteuert ist und erst mal drei Minuten hochfahren muss, bis es einsatzfähig ist. Was die digitale Kommunikation betrifft, sei unser Land ohnehin längst wieder in Besatzungszonen eingeteilt, regiert von den vier Mobilfunkriesen.

Alles, aber wirklich alles kritisch hinterfragen lautet deshalb die Maxime des Kängurus. Das ist denn auch der Grund dafür, dass es keinen Führerschein besitzt. "Ich habe die Prüfung abgebrochen, weil ich rechts vor links nicht akzeptieren wollte. Das ist ein reaktionär konservatives Unterdrückungsmuster, manifestiert in der Straßenverkehrsordnung", lautet die Argumentation.

Als einziges Mitglied des jüdisch-bolschewistischen Vereins bemüht sich das wortgewandte einfallsreiche Beuteltier sogar darum, dem weltbekannten Monopolyspiel sozialverträgliche Regeln zu verpassen. Ein Banner zwischen drei Häusern auf der Schlossallee kündigt von deren Besetzung, Bahnhöfe sind kostenlos, weil der ÖPNV ohnehin jedem zugänglich sein sollte und überhaupt: Mieten werden abgeschafft.

(eko)
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