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Wolfgang Braun
Schwarz - Rot - Gold

Wesel. Die in Duisburg beheimatete Regionalgruppe der Vereinigung Gegen Vergessen - Für Demokratie möchte Schulen mit der Deutschland- und der Europa-Fahne ausstatten. Der Sprecher der Vereinigung erklärt im RP-Gespräch die Beweggründe.

Die Regionalgruppe von Gegen Vergessen - Für Demokratie beabsichtigt, sieben weiterführenden Duisburger Schulen, in jedem Stadtbezirk eine, 20 Klassensätze von jeweils zwei Fahnen, der deutschen Trikolore und der Europafahne zur Verfügung zu stellen. Beigefügt wird zudem noch ein Band zu den Staatssymbolen der Bundesrepublik Deutschland, gestaltet vom Haus der Deutschen Geschichte in Bonn. Zudem ein kleines Heft mit Liedern aus der demokratischen Revolution von 1848, das 2008 von der Vereinigung herausgegeben wurde. Redakteur Peter Klucken sprach anlässlich des heutigen Verfassungstages mit Wolfgang Braun, dem Sprecher der Regionalgruppe.

Wenn ich heute jemanden sehe, der eine Deutschland-Fahne aus seinem Fenster hängt oder sie im Garten wehen lässt, habe ich ein ungutes Gefühl. Ich unterstelle demjenigen, der das macht, eine politische Rechtsaußen-Position, die womöglich sogar verfassungswidrig ist. Liege ich da falsch?

braun In vielen Fällen dürften Sie mit dem Verdacht falsch liegen. Richtige Rechtsradikale bevorzugen immer noch Schwarz-Weiß-Rot. Trotzdem: Im Alltag bleibt Schwarz-Rot-Gold im Großen und Ganzen den schrägen Personen und schrägen Situationen überlassen. Bei einer Fußballweltmeisterschaft findet kaum einer die sich anschließenden Autokorsos mit ihrem häufig bierseligen Triumphalismus anstößig. Eine andere Verwendung findet Schwarz-Rot-Gold in Einwandererkreisen. Wenn Sie nach Hochfeld gehen, flaggen manche Neudeutsche wie häufig in den USA zu finden: Flagge des Herkunftslandes plus Flagge des Aufnahmelandes.

Wie sollen die demokratischen Gedanken, die mit der Deutschland-Fahne verbunden sind, Schülern vermittelt werden?

Braun Problemlos - in dem die Geschichte von Schwarz-Rot-Gold erzählt wird. Im Schweinsgalopp und damit verkürzt: Wenn ein Symbol für das andere, das bessere Deutschland steht, dann dieses. Erfunden im 19. Jahrhundert unter Verwendung der Farben des kaiserlichen Herolds wird die Fahne mit dem Hambacher Fest zum Banner der demokratisch-revolutionären nationalen Einigungsbewegung. 1848 ist sie dann das Banner der freiheitlichen Revolution in Deutschland. Im November 1918 ist sie wiederum die Flagge der demokratischen Revolution - und für die deutsche Rechte das Symbol der verhassten November-Revolution. "Schwarz-Rot-Mostrich" oder "Schwarz-Rot-Senf" lautete der Hassname bei Freicorps und anderen Demokratiefeinden auf der Rechten. Nicht umsonst sangen die Putschisten während des Kapp-Putsches: "Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band ...".

Schwarz-Rot-Gold war in Deutschland traditionell die Flagge der Demokraten?

Braun Nicht ohne Grund hieß die Republikschutzorganisation von SPD, Teilen des Zentrums und der Freisinnigen damals "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Jeder wusste, was damit gesagt werden sollte. Nicht ohne Grund wurde dann 1933 die deutsche Trikolore aus der Öffentlichkeit verbannt, löste Schwarz-Weiß-Rot im speziellen Nazi-Design die demokratischen Farben ab. Aufgenommen wurde diese unterdrückte demokratische Tradition 1949 - mit ihren alten Farben. An der Geschichte der deutschen Farben lässt sich halt auch die Gebrochenheit der deutschen Geschichte verdeutlichen. Daher bereiten wir - wir werden etwas Zeit dafür benötigen - eine Präsentation für Unterrichtszwecke vor, in der vier Fragen gestellt und beantwortet werden: Wessen Fahne? In welchem Gebiet? Zu welcher Zeit? Mit welcher Verwendung?

Werden demnächst Pegida-Anhänger und fundierte Demokraten, für die Ihre Vereinigung steht, dieselbe Fahne hissen und dabei Grundverschiedenes denken?

Braun Wir hissen zwar selber keine Flaggen, aber im Grundsatz ist das doch heute schon der Fall. Auf unseren Plakaten zum Fest der Freiheit zum Verfassungstag, dem 23. Mai, war am oberen Rand immer die deutsche Trikolore mit einer kleinen Europafahne in der Mitte wiedergegeben. Das werden wir nicht ändern. Für uns stehen dabei Schwarz-Rot-Gold für die Errungenschaften des Grundgesetzes, nicht zuletzt für die antirassistsche Botschaft in Artikel 3.3. Die Europafahne, für deren Entwicklung im Europarat Paul. M. G. Lévy, ein Shoa-Überlebender, die Verantwortung trug, steht dabei für die antinationalistische Botschaft, Selbsteingliederung der Deutschen in das Konzert der europäischen Völker.

Es kann aber, ich möchte es mal vorsichtig sagen, zu "Missverständnissen" kommen, möglicherweise zu gewollten Missverständnissen ...

Braun Wenn andere dieselbe Nationalflagge als Stammestotem der "Bio-Deutschen" verstehen, haben sie entscheidende Rechtssetzungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht begriffen. Konflikte sind dabei durchaus hilfreich. Man könnte zum Beispiel mit den Deutschtümlern das Gespräch suchen und z. B. die AfD-Anhänger, sicherlich nicht mit Pegida gleichzusetzen, befragen, warum ihre Partei in ihrem Traditionsbogen zwar 1848 und 1989 berücksichtigt, aber wie für deutsche Rechte gehabt, große Demokraten wie Ebert, Scheidemann, Erzberger und Rathenau - damals als "November-Verbrecher" geschmäht -, ausspart. Für Dritte ist der Unterschied übrigens sofort erkennbar: Die einen hissen nur Schwarz-Rot-Gold, die anderen zudem die Europa-Flagge. Deutlich gesagt: Dem Kampf um die Deutungshoheit hat man sich zu stellen. Wer sich dem entzieht, überlässt dem politischen Gegner die wirkungsmächtigen Integrationssymbole. Ob er sich dies zugesteht oder nicht. Er lässt es zu, dass die Fahne der deutschen Demokraten zur Fahne der deutschen Antidemokraten umgedeutet werden kann. Beihilfe durch Unterlassen würde der Jurist sagen.

In Duisburg leben viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Wie werden diese Menschen berücksichtigt?

Braun Ganz unaufgeregt und wie in jedem traditionellen Einwanderungsland: Die Flagge ist das Integrationsangebot! Ohne Dünkel - dafür sorgen dann schon die Unterrichtsstunden zur Geschichte der deutschen Staatssymbolik.

Quelle: RP
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