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Hamminkeln
Sechs neue Kelche für die Humberghaus-Ausstellung

Hamminkeln. Sechs Gläser mit Kelchen in strahlenden Farben stehen nun in der Glas-Vitrine im Humberghaus und erinnern an Helene Humberg. "Sie war die einzige, von der wir nichts für den Biografie-Kasten hatten", sagt Ulrich Bauhaus - daher freue er sich umso mehr über die neuen Ausstellungsstücke.

Die Gläser stammen vermutlich aus dem frühen 20. Jahrhundert. "Sie könnten ein Hochzeitsgeschenk 1912 gewesen sein", vermutet Bauhaus. Dies bestätigt auch Dr. Dedo von Kerssenbrock-Krosigk, der Leiter des Glasmuseums Hentrich in Düsseldorf. Er vermutet, dass die Gläser aus der Region Böhmen/Wien kommen und vom Künstler Koloman Moser stammen oder nach dessen Vorbild entstanden.

Nach ihrer Hochzeit 1912 zog Helene zu ihrem Mann, dem Metzger Abraham Frank, nach Velen und nahm die Gläser mit. Dort wohnte die Familie in einem Haus mit angrenzendem Schlachthof. 1929 eröffnete Abraham Frank seine eigene Metzgerei - mit Machtübernahme der Nazis lief sie jedoch schlechter. 1937 kam es zum Verkauf der Metzgerei und des Wohnhauses. Die Familie zog in eine Dachgeschosswohnung, 180 Meter vom alten Wohnort entfernt. Auch bei diesem Umzug nahm Helene ihre sechs Gläser mit.

In der Pogromnacht forderten vier SA-Männer Zutritt zur Wohnung der jüdischen Familie, doch der Vermieter verschloss die Tür mit den Worten "nur über meine Leiche". Kurz darauf landeten zwei Schüsse im Wohnzimmer-Fenster der Franks, verletzt wurde niemand. Danach verließen sie ihre Wohnung nur noch sehr selten. Nach dem Tod von Abrahams Schwester zogen die beiden ins Elternhaus. Der Druck auf die Familie wurde immer größer. Am 10. Dezember 1941 kam es zur Deportation. Sie landeten im Ghetto in Riga. Dort traf Helene ihre Schwester Johanna wieder, die in Wesel gelebt hatte. Es wird davon ausgegangen, dass Helene am 12. Februar 1942 beim angeblichen Transport nach Dünamünde erschossen wurde. Kurz vor ihrer Deportation gab Helene ihre Gläser an ihre Nachbarin Johanna Mackert. Sie ist die Großmutter von Peter Höbing, der die Gläser ins Humberghaus brachte. Der Kölner ist bei seiner Suche nach jüdischem Leben im Münsterland im Internet auf das Humberghaus gestoßen. Wieso er die Gläser abgeben wollte? "Ich finde, dass so eine Geschichte weitererzählt werden muss", sagt Höbing - gerade mit den aktuellen Bildern von Flucht im Kopf dürfe man eines nicht tun: vergessen.

(ls)
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