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Wesel
Sie vereinfacht, aber sie versimpelt nicht

Wesel: Sie vereinfacht, aber sie versimpelt nicht
Eine Auswahl von Werken, die Jutta Kehl in den vielen Jahren geschaffen hat, ist nun in Wesel zu sehen. FOTO: Jana Bauch
Wesel. Im Weseler City-Center der Niederrheinischen Sparkasse Rhein-Lippe an der Bismarckstraße wurde jetzt die Ausstellung "Farbige Momente" mit Werken der Künstlerin Jutta Kehl eröffnet. Diese sind noch bis zum 23. Juni zu sehen. Von Hanne Buschmann

"Farbige Momente" nennt Jutta Kehl ganz schlicht ihre Bilder. Diese sind aber mehr: sehr persönliche, manchmal gar aus dem Innersten erlöste Gedanken. Reine Poesie, so wie die Lyrik die persönlichste Ausdrucksform Dichter ist. Man könnte Jutta Kehls Bilder als lyrische Bildsprache bezeichnen. In diese kann der Betrachter mit gehöriger Empfindsamkeit eintauchen. Das wird ein stilles, dennoch eindrückliches Erlebnis.

Eine Auswahl aus den in vielen Schaffensjahren entstandenen Werken wird bis zum 23. Juni im Weseler City-Center der Niederrheinischen Sparkasse Rhein-Lippe gezeigt (siehe Infobox). Am Freitag wurde eröffnet im Beisein vieler Gäste und langjähriger Freunde sowie von Vertretern der Politik und Verbände. Die zarte Frau mag modischen Auftrieb überhaupt nicht, freut sich freilich, wenn man ihre Bilder sorgsam betrachtet, vielleicht eine Zwiesprache mit ihnen beginnt. Und die lohnt allemal.

Denn die kluge Frau ist in der Welt, wo diese wirklich etwas zu sagen hat, beheimatet. Vielleicht deshalb so mitfühlend wie mitteilsam, weil ein Augenleiden ihr ein ganz genaues Hinsehen und Auseinanderfiltern versagt, dafür aber umso überzeugender auf Zusammenhänge, sogar auf verdeckte, lenkt. Dem nachzuspüren, bringt dem Betrachter Gewinn.

Zum Bild "Segel-Freude" meinte ihr Mann, der pensionierte Internist und Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Wesel: "Ursprünglich waren die Segel zu hoch hinaus gemalt. Die Schiffe würden kentern." Seine Frau machte sie etwas kleiner. Aber es geht hier doch gar nicht um praktische Seefahrt, es geht um die Freude der Hingabe an neu Erfahrbarem, um die Lust zu leben. Die Segel sind also eine Metapher dafür.

Jutta Kehl hat von Kindheit an gezeichnet und gemalt, aber keine akademische Ausbildung gemacht. Autodidaktin ist sie. Aber eine vorbildliche. Als gelernte Ergotherapeutin half ihre bildnerische Begabung, Zugang zu den Patienten zu finden. Durch Nachdenken finden Betrachter den Zugang zu ihren Bildern. Denn sie vereinfacht, aber sie versimpelt nicht. Die Strichführung kann sie wohl nicht so ganz genau kontrollieren, aber den treffenden Schwung beherrscht sie. Und der sagt Vieles aus. Zum Beispiel im "Gruppen-Treffen" einiger Frauen. Es sind japanische, aufs Nötigste reduzierte Holzpuppen, "Kokeshi". Die versinnbildlichen die sozialen Grenzen der Frauen: Unauffälligkeit, stille Wirksamkeit.

"Ruhezeit", dickbauchige, unspektakuläre Einmachgefäße warten auf ihre Zeit, wie kluge Menschen warten. "Skyline", ein Hafen, an dessen Mauern und dahinter aufragenden Speicherhäusern tiefblaues Wasser heranwallt, überglänzt von sonnenhellen Lichtbahnen. "Sonnengelb ist meine Lieblingsfarbe, die kann ich auch am besten erkennen", sagt Kehl. Die verwendet sie auch nur, wenn sie als Bedeutungsträger in Betracht kommt. Farben sind ohnehin ihr wichtigstes Gestaltungsmittel. Das zeigen ihre impressionistisch gefärbten kleinformatigen Straßenszenen aus Südfrankreich mit lustwandelnden Damen ("Lady in Red" und "Abschied"). Das "Zwiegespräch" zweier Frauen durch einen Mauerspalt hindurch ist inhaltlich eine Erinnerung an Jerusalem, gestalterisch mit den herben Pinselstrichen eine Anverwandlung von Munchs "Schrei", den bebenden Rücken der Gestalt zeigend.

Quelle: RP
 
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