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Wesel
Sommertöne auf dem Weg zum Mond

Das Sommerton-Festival 2017
Das Sommerton-Festival 2017 FOTO: Malz Ekkehart
Wesel. Beim Sommerton-Festival passte alles, und das nicht zum ersten Mal: herausragende Musiker ohne Beschränkung durch stilistische Schubladen, zufriedene Zuschauer im vollbesetzten Konzertzelt, freundliche Atmosphäre. Von Guido Diesing (Text) und Ekkehart Malz (Fotos)

Der Freitag stand ganz unter dem Motto Zweisamkeit. Gleich drei Duos traten auf, wobei es sofort mit voller Kraft losging. Die beiden Franzosen Vincent Peirani (Akkordeon) und Émile Parisien (Sopransax) brillierten in Sidney-Bechet-Bearbeitungen und eigenen Stücken mit Virtuosität, Spielwitz und so manch überraschenden Wendung. Zwischen gefühlvollen Walzern und rattenfängerhaften Tanzschritten des Saxofonisten führten sie das Publikum ein ums andere Mal mit angetäuschten Enden ihrer Stücke in die Irre.

Danach luden Kayhan Kalhor und Erdal Erzincan zum Hinhören ein. Das glatte Gegenteil von Häppchenkultur und Geschwätzigkeit, bauten der Iraner und der Türke lange Spannungsbögen - eine konzentrierte und ernste musikalische Unterhaltung auf höchstem spielerischem Niveau. Das Sommerton-Publikum zeigte sich von seiner besten Seite. Auch wenn die Musik forderte und unter den Zuschauern wohl nur wenige sich als Fachkenner für die Feinheiten der persischen Kniegeige und der türkischen Laute bezeichnet hätten, herrschte gespannte, fast andächtige Stille, die sich nach dem über einstündigen intensiven Vortrag in kräftigem Applaus entlud. Zu den guten Bekannten des Festivals zählt der französische Meisterbassist Renaud García-Fons. Bei seinem dritten Sommerton-Besuch präsentierte er mit dem spanischen Pianisten Dorantes, dass Flamenco auch ohne Gitarre funktioniert. Leider griff der Pianist bisweilen so klangvoll in die Tasten, dass er den singenden Kontrabasston ein wenig zudeckte.

Der Samstag bestätigte, was erfahrene Sommerton-Besucher längst wissen: Wer bei diesem Festival ein bisschen später aufläuft, weil das Beste vermeintlich am Ende kommt, der hat schnell einen Höhepunkt verpasst. In diesem Fall die junge Pariser Sängerin Noëmi Waysfeld, die das Publikum mit ihrer herzlichen Art, vor allem aber mit einer großen Stimme bezauberte. Ihre Übertragungen von traurigen Fado-Klassikern der großen Amália Rodrigues ins Jiddische atmeten Leidenschaft, Melancholie und tiefe Gefühle.

Die größte Überraschung der ersten beiden Festivaltage war der Norweger Håkon Kornstad. Nicht genug, dass er alleine mit seinem Saxofon mittels einer altmodischen Loop-Maschine geschmackvolle orchestrale Klänge aufschichtete, er ist außerdem ausgebildeter klassischer Sänger. Seine humorvolle Schilderung, wie er mit Anfang 30 vom Free Jazz zur Oper gelangte, war beste Stand-up-Comedy. Die musikalische Kombination seiner beiden Talente, die weltweit einmalig sein dürfte, verblüffte und war weit mehr als eine schrullige Kuriosität. Ein Ein-Mann-Saxofon-Orchester samt Operntenor - ein echter Sommerton-Moment.

Einen ambitionierten Schlusspunkt unter den Samstag setzten Michael Wollny und Eric Schaefer. Der derzeit international gefragteste deutsche Jazzpianist und sein bewährter Mitstreiter am Schlagzeug führten die speziell für das Festival entstandene 80-minütige Auftragskomposition "Moon" auf. Spektakulär: Außer dem Kontrabassisten Christian Weber standen den beiden die über 20 Bläser des Norwegian Wind Ensembles nicht nur zur Seite, sondern auch vor und hinter ihnen und loteten das Fassungsvermögen der Bühne aus. In den fünf Sätzen des Werks regierten die Kontraste. Ausgehend von tastenden elektronischen Klängen, führte der Weg in den Weltraum, vorbei an harmonischen Passagen und schroffen experimentellen Tönen. Das Zusammenspiel des Trios mit den Bläsern bewegte sich zwischen Nebeneinander und Miteinander. Mit einer gewaltigen Steigerung endete ein Stück, das beim einmaligen Hören kaum in seiner ganzen Fülle zu erfassen war, aber viele reizvolle Momente bot. Anregend und abenteuerlich wie das ganze Festival.

Quelle: RP
 
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