| 19.28 Uhr

Wesel
Sommerton: die ganz Welt der Jazzklänge

Impressionen vom Sommerton-Festival 2016
Impressionen vom Sommerton-Festival 2016 FOTO: Malz, Ekkehart
Wesel. Die besondere Atmosphäre des Festivals am Diersfordter Schloss inspirierte die Musiker. Von Guido Diesing

Mediterran ging es zu, als am Freitag das fünfte Sommerton-Festival am Schloss Diersfordt eröffnet wurde. Das betraf nicht nur die Temperaturen im Konzertzelt, auch die Musik passte bestens zum Klima. Das Quartett des Geigers Michalis Kouloumis spielte zur Einstimmung traditionelle Musik aus Zypern und führte diese Tradition dann mit eigenen Stücken in die Gegenwart fort. Trotz obertonreicher Schärfe stets elegant und mit orientalischen Verzierungen versehen, mischte sich der Geigenklang mit Laute, Bass und Percussion zu einem rhythmisch reizvoll vertrackten Erlebnis. Im Wechsel zwischen melancholischen und temperamentvollen Passagen steigerte sich das Konzert bis zu einem ausgedehnten Stück mit langen Improvisationen, das der Geiger den Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien widmete.

Ein fruchtbares Geben und Nehmen zwischen Musikern und Zuschauern prägte das ganze Festival. Wie schon in den Vorjahren wurde schnell deutlich, wie sehr die besondere Atmosphäre am Diersfordter Schloss die Musiker inspiriert. "Danke, dass Sie so gut zuhören!", lobte etwa Markus Stockhausen das Publikum. "Es macht Spaß, hier zu spielen."

Im Duo mit dem ungarischen Gitarristen Ferenc Snétberger bettete der Trompeter in impressionistische Klangmalereien als Kontrast schnelle Läufe ein, bei denen die beiden aber nie das Melodische aus den Augen und Ohren verloren. Die fast sphärische Schönheit von Stockhausens schnörkellos reinem Trompetenton wurde durch die perkussiven Effekte des Gitarristen noch unterstrichen. Für den begeisterten Applaus bedankten sich die beiden Endfünfziger mit der wunderschönen Ballade "Rose" - intim und fast wie ein Wiegenlied.

Die gute Tradition, dass es bisher bei jedem Sommerton-Festival einen herausragenden Jazzpianisten zu sehen gab, wurde auch diesmal fortgesetzt. Der Israeli Omer Klein, der schon für sein letztes Album "Fearless Friday" viel Lob geerntet hatte, machte zum Abschluss des Eröffnungsabends mit neuen Stücken Appetit auf seine noch unveröffentlichte nächste Platte. Sie deuteten an, dass Kleins Entwicklung noch lange nicht zu Ende ist.

Nach einem fast klassischen Solo-Intro bog das Konzert bald in swingende und überraschend hart groovende Gebiete ab, mit vereinzelt aufblitzenden Anklängen an israelische Melodien. Es war ein Genuss, die lebendige Interaktion zwischen dem Wahl-Düsseldorfer am Klavier und seinen Mitstreitern Amir Bresler am Schlagzeug und Haggai Cohen-Milo am Kontrabass zu verfolgen.

Was für eine Route, auf die die Zuschauer am Samstag, dem zweiten Sommerton-Tag, von den Musikern mitgenommen wurden: Vom spanischen Ruhrgebiet führte sie über den norwegischen Teil des amerikanischen Mittleren Westens bis nach Französisch-Argentinien. Wer jetzt stirnrunzelnd den Atlas hervorkramen will, kann sich die Mühe sparen. All diese Orte gibt es nur in der Welt der Musik - und seit Samstag in der Fantasie der Sommerton-Besucher.

Zunächst heizte der in Essen lebende Flamenco-Virtuose Rafael Cortés den ohnehin schon schwitzenden Besuchern ein. Absolut faszinierend, wie er ohne erkennbare Anstrengung einen so kraftvollen und dynamischen Klang erzeugt. Neben der unvermeidlichen Ehrung des Vorbilds Paco de Lucia und naheliegenden Abstechern zu Chick Corea und Al Di Meola hatte er auch Überraschendes wie eine Bearbeitung des melancholischen polnischen Evergreens "Ostatnia Niedziela" dabei. Dass für die Zukunft des Ruhrpott-Flamencos gesorgt ist und die nächste Generation schon bereit steht, zeigte als würdiger Begleiter seines Vaters Rafael Cortés junior.

Mit eingängigen, aber keineswegs eintönigen Klängen überzeugten anschließend der Trompeter Mathias Eick und sein Quintett. Mit der stimmungsvollen Verschmelzung von Elementen aus Jazz, Folk, Pop und Rock bewiesen die fünf Norweger, dass man sich für einfache sangbare Melodien nicht schämen muss. Warum auch? In langen Steigerungen unter der Führung von Trompete und Geige entwickelten die Musiker sie zu hymnischer Größe, schufen aus ihnen geradezu erhebende Momente, um sie dann wieder in die Einfachheit zurückzuführen.

Den Schlusspunkt unter zwei entdeckungsreiche Festivaltage setzte der Franzose Richard Galliano mit einem Soloauftritt. Ein Mann, ein Akkordeon und jede Menge Ideen - das reichte für eine vielfältige Stunde. Galliano beschränkt sich längst nicht mehr auf die Verbindung von Tango und Musettewalzern, die ihn berühmt gemacht hat. In langen Suiten hangelt er sich von Stil zu Stil und Stück zu Stück, ganz wie es ihm einst Astor Piazzolla geraten hat: "Spiel einfach, was dir in den Sinn kommt!" Da stehen elegant fließende Melodien neben orgelähnlicher Wucht und wiegende Walzer neben stampfendem Poltern. Mit einem liebevollen "Bluesette"-Zitat verbeugte er sich vor dem gerade verstorbenen Toots Thielemans und ließ den Abend überraschend und zur hörbaren Freude des Publikums mit John Lennons "Imagine" ausklingen.

Schade nur, dass er nicht ungestört zu Ende spielen konnte. Bei seinem vorletzten Stück waren draußen Explosionen zu hören. Eine offenbar ganz in der Nähe feiernde Gesellschaft hatte ein Feuerwerk gezündet.

Quelle: RP
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