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Lokalsport
EM-Titel: Vereine hoffen auf Handball-Boom

Niederrhein. Nach dem völlig überraschenden Gewinn des Europameister-Titels will auch die Basis von dem Erfolg der Profis profitieren. Von Ralf Pollmann

Michael Hillig wählte eher die stille Variante bei Freunden statt das "Rudelgucken" im Kulturspielhaus "Scala" - das etliche Handballer der HSG Wesel und das Gros seiner B-Jungen aufsuchten. Doch auch in ruhiger Atmosphäre genoss der Geschäftsführer der HSG Wesel und langjährige Handball-Torwart das Endspiel um die europäische Handball-Krone zwischen Deutschland und Spanien (24:17) in vollen Zügen. Die richtigen Worte für die Leistung sucht er auch einen Tag nach dem Finale vergeblich. "Die passenden Superlative dafür zu finden, das fällt mir schwer", sagt Hillig. Ähnlich ergeht es fast der gesamten Handball-Szene am Niederrhein, die sich nun einen Aufschwung gerade im Jugend-Bereich erhofft.

Beim Endspiel hat Michael Hillig naturgemäß die Keeper besonders unter die Lupe genommen. "Der spanische Torhüter war schon Weltklasse, aber Andreas Wolff war noch besser. Er hat galaktisch gehalten", lobt der HSG-Geschäftsführer den für die HSG Wetzlar spielenden deutschen Schlussmann. Auch dem aus Island stammenden Trainer Dagur Sigurdsson attestiert Hillig eine Meisterleistung. "Das war taktisch Weltklasse, einfach ganz großer Sport." Überhaupt habe die Defensive der deutschen Mannschaft "super gestanden. Ein Team komplett ohne Stars, davor kann man nur den Hut ziehen."

Dabei hat Michael Hillig in den vergangenen Tagen viel Positives über seinen Sport gehört. Auch von Menschen, deren Interesse bisher kaum dem Handball galt. "Viele finden nun Begeisterung am Handball, da hoffe ich schon, dass auch der ein oder andere mehr in unsere Halle kommt", sagt Hillig. Zumal die Weseler Verbandsliga-Herren als Tabellenvierter sogar um den Aufstieg mitreden.

Die letzte Handball-Euphorie löste der Weltmeister-Titel im Jahr 2007 im eignen Land aus. "Der Boom war aber nur recht kurzzeitig", erinnert sich Michael Hillig. Für René Hoffmeister war das damals ein hausgemachtes Problem. "Die in der oberen Etagen des Handball-Bundes haben sich zu sehr auf den Lorbeeren ausgeruht", sagt der Trainer des Bezirksligisten SV Schermbeck. Auch er hat die wachsende Begeisterung vieler zuvor nicht am Handball Interessierter in seinem Umfeld festgestellt. "Die Leistung der Mannschaft war aber auch beeindruckend."

Der bei den Schermbecker B-Junioren als Trainer arbeitende Ulrich Döhmer erwartet vom EM-Sieg einen positiven Effekt auch für den Handballsport an der Basis. "Das werden wir merken, die Vereine werden gerade im Nachwuchsbereich großen Zulauf bekommen", sagt der Coach. Auch er findet kaum Worte für das, was das deutsche Team in Polen abgeliefert hat. "Das war einfach phänomenal."

Auswirkungen des Erfolgs auf seinen Verein erhofft sich ebenfalls Friedhelm Tersek. "Vielleicht kann man davon profitieren, denn wir müssen Nachwuchs bekommen", erläutert der Handball-Abteilungsleiter von Blau-Weíß Dingden. Es sei sehr schwer, Jugendliche anzulocken. "Einerseits aufgrund der Konkurrenz durch Fußball, aber wegen der durch die Schule immer größer werdenden Belastung der Kinder, auch zeitlich", meint Friedhelm Tersek. Sein Trainer bei den Bezirksliga-Handballerinnen, Ralf Sobotta, rechnet fest mit einem Aufschwung an der Basis. "Der Europameister-Titel wird unserem Sport unheimlich gut tun."

Für Fabian Gorris war es einfach "das perfekte Wochenende". Drei Komponenten kamen dabei nach Ansicht des Handballers der HSG Wesel zusammen: Der eigene, nicht eingeplante Sieg beim TV Oppum (25:24), der Gewinn der Australian Open durch Tennisspielerin Angelique Kerber sowie als i-Tüpfelchen das Finale bei der Europameisterschaft in seiner Sportart. "Das war ganz schön krass. Im Welt-Handball erlebt man so ein Spiel sehr selten", meint der Student. Dabei zieht er dann doch einen Vergleich aus dem Bereich Fußball heran. "Das war so, als würde Werder Bremen mit 3:0 gegen Bayern München gewinnen." Eben diese Sportart mit der größten Popularität hat auch Michael Hillig im Blick. "Vielleicht sieht nach dem EM-Sieg jetzt der ein oder andere, dass es noch etwas anderes als Fußball gibt", hofft der HSG-Geschäftsführer.

Bei der Live-Übertragung vor dem Fernseher wurden auf jeden Fall 12,98 Millionen Zuschauer gezählt. Darunter auch die Handball-Teams der HSG Wesel II und der Moerser Adler HSG II, die eigentlich ihr Bezirksliga-Spiel zurselben Zeit wie das Finale hätten absolvieren sollen. Die Verlegung auf Freitag (20 Uhr) war reine Formsache.

Quelle: RP
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