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Wesel
Stadtneurotikerin trifft Landpomeranze

Wesel: Stadtneurotikerin trifft Landpomeranze
Anne Gesthuysen beschreibt den Niederrhein treffsicher - und begeisterte erneut die Weseler Besucher ihrer Lesung. FOTO: Fischer
Wesel. Was Pariser Avantgarde und Niederrhein miteinander zu tun haben: Autorin und Moderatorin Anne Gesthuysen las in der Buchhandlung Korn aus "Sei mir ein Vater". Von Thomas Hesse

Anne Gesthuysen eroberte mit ihrem ersten Buch "Wir sind doch Schwestern" die Bestsellerlisten und brachte mit Hilfe ihrer erzählerisch verwerteten Großtanten aus Alpen-Veen den Niederrhein in die Welt der Romane. Da war sie noch bekannte TV-Moderatorin, unter anderem des Morgenmagazins. In Wesel eroberte sie 2013 bei einer Lesung im Lutherhaus die Herzen der Zuhörer. Jetzt war sie wieder bei Eva Korn zu Gast, diesmal in der Umgebung ihrer Buchhandlung.

Und wieder feierte Anne Gesthuysen einen Erfolg, Beifall gab's am Ende reichlich. Ihren Moderatoren-Job hat sie nach zwölf Jahren Aufstehen um ein Uhr nachts für den WDR an den Nagel gehängt, um Schriftstellerin sein zu können. Geblieben ist nach dem Erstling die Methode, in der prallen, lebensvollen Geschichte ihrer Familie Stoff zu suchen. "Sei mir ein Vater" heißt ihr frisches Buch, mit dem sie gerade mit Lesungen "ihre Heimat abgrast". Hier ist der Wiedererkennungswert ihrer anschaulich, mit Sympathie zu den Menschen geschriebenen Art Heimatliteratur besonders hoch.

Die Frau, die in einer Mehrgenerationenfamilie in Veen aufwuchs und in Xanten aufs Gymnasium ging, verwebt in ihrem neuen Roman mit autobiografischen Elementen eine Familiengeschichte vom Niederrhein mit dem Leben einer französischen Malerin aus Paris. Die Welten prallen aufeinander. Hier das Landleben mit seinen Familienwerten, dort die Recherche über das Glamour-Paar der Pariser Kunstszene Anfang des 20. Jahrhunderts, die Künstlerin Georgette Agutte und den Sozialistenführer Marcel Sembat. Die Brücke zwischen den Welten ist ein kleines deutsches Dorf, was gleichsam zwingend erfordert, doppelt auf zwei Ebenen zu erzählen - zeitlich und örtlich sowie aus den Perspektiven der gestrigen Georgette Agutte und der heutigen Lilie, deren Ururgroßtante Agutte war.

Besagte Lilie ist das Verbindungsstück. Sie kam in den 80ern als Austauschschülerin zu den Gesthuysens, landet im modisch-städtischen Outfit auf Xantens Bahnhof, wo sie von der geschmacksunsicheren Landpomeranze Hanna (wie Anna) und Vater Hermann begrüßt wird. Im grünen Niemandsland fremdelt die Großstädterin, bis die Vaterlose im Mehrgenerationenhaus von den Großtanten aus dem ersten Roman quasi adoptiert und von Vater wie eine Tochter aufgenommen. Schließlich bittet sie ihn "Sei mir ein Vater", was er annimmt und später zum Titel des Buches avanciert. Das Trio infernale macht sich auf, um in Paris die Spuren von Georgette Agutte in einem Paris des Aufbruchs zu suchen. Das Familienleben bleibt Gesthuysens erzählerischer Steinbruch.

Wenn sie über ihre Familie und ihre französische Freundin schreibt, hat sie starke Momente. Ihre Figuren sind erdig und echt, zu wahren Gefühlen fähig und verlässlich. Land und Leute zeichnet sie mit Sympathie. Anne Gesthuysen hat eine schöne, volle Zuhörstimme, und sie erzählte passgenau vom Niederrhein. Die Pariser Spurensuche nach der Weggefährtin unter anderem von Henri Matisse, mit Vorstellungen der Künstler wie Pissaro oder Picasso wirkt blasser, auch bemühter. Vielleicht weil die recherchegewohnte Journalistin auch in distanziertere Situation verfällt und eine andere erzählerische Linie. Die Sympathie der Zuhörer hatte sie auf jeden Fall.

Quelle: RP
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