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Kolumne Wie Geht's, Wesel?
Teures Geschäft

Wesel. 137.500, in Worten: Einhundertsiebenunddreißigtausendfünfhundert Euro, für ein Bahnhofsklo. Wesel, geht es auch etwas kleiner?

Wir staunten in dieser Woche in der Redaktion beim Blick auf die Unterlagen für den nächsten Ausschuss für Gebäudeservice in Wesel. Am 23. Mai tagt das Gremium wieder. Die Mitglieder des Ausschusses werden im Vorfeld stets schriftlich über die Tagesordnungspunkte und deren Inhalte informiert. Tagesordnungspunkt 3 lautet: "Öffentliches WC am Bahnhof". Wir haben in unserer Zeitung berichtet. Und die ersten kalkulierten Zahlen lassen aufhorchen: 137.500 Euro, in Worten: Einhundertsiebenunddreißigtausendfünfhundert Euro, würde die neue Toilettenanlage Stand jetzt kosten, wenn man alle aufgelisteten Zusatzgimmicks wie Kunstharzboden und Fußbodenheizung addiert. Und nein, nicht dass Sie Falsches denken: Die Kloschüssel ist nicht einmal golden.

Kühle Rechner müssen bei dieser Auflistung verzweifeln. Selbst, wenn 90 Prozent Fördergelder fließen sollen und 100.000 Euro schon im Haushalt stehen. Wesel, geht es auch etwas kleiner?

Wir wollen die Expertise der Damen und Herren in der Verwaltung nicht anzweifeln. Mitarbeiter der Stadt haben schließlich eine Dienstreise in die Stadt Viersen unternommen. Dort steht ebenfalls eine Toilettenanlage. Die städtischen Weseler Mitarbeiter haben sich angeschaut, was diese Toilette so alles kann, haben bei einer Fachfirma Rat eingeholt und dann einen Anforderungskatalog erstellt, was Wesels Toilette alles können muss.

Auch wenn es länglich erscheinen mag und es - pardon: furztrockenes - Verwaltungsdeutsch ist, wollen wir am Ende der Kolumne kurz aus der Ausschussvorlage zitieren.*

Wer diese Wahnsinns-Liste bis zum Ende gelesen hat, der kann sich einerseits vorstellen, wie man auf einen Kostenrahmen von am Ende möglichen 137.500 Euro kommt, der muss sich allerdings auch ernsthaft die Frage stellen, ob wir uns mit diesem riesigen Vorschriftenkanon nicht selbst zugrunde richten. Irgendwann können unsere Kommunen vor Schulden nicht mehr atmen, haben alle freiwilligen Leistungen wie Jugendzentren oder Telefonseelsorge gestrichen, aber hey: Wir haben ein Bahnhofsklo mit Fußbodenheizung und "Vollwärmeschutz nach EnEV." Wer als Privatmann jemals ein Haus gebaut hat, der wird wissen, dass das Badezimmer einen nicht unerheblichen Anteil der Kosten auffrisst. Ein Luxusbad würde man sich aber wohl auch nur dann bauen, wenn auch der Rest des Hauses luxuriös ist. Ist der Weseler Bahnhof so ein Luxusort?

Ein erster Alternativvorschlag: Auf der Internetseite der Stadt Wesel sind öffentliche Toiletten im Umfeld aufgelistet - zu den Kernzeiten sind fußläufig vom Bahnhof aus mehrere Toiletten erreichbar, etwa bei der Caritas im Bonifatiushaus. Es wäre schon eine große Hilfe für Bahnreisende, wenn ihnen im Bahnhof das Toilettenangebot des Umfeldes auf Hinweistafeln angezeigt würde. Das wäre doch mal ein kleiner Anfang.

*"Vandalismushemmendes Gesamtkonzept: Stahlbeton-Konstruktion, selbsttragend mit Vollwärmeschutz nach EnEV - Innenwände aus Stahlbeton - Doppelwandige, wärmegedämmte Edelstahl-Türen mit Türantrieb in der Zarge der Behinderten-Kabinentür (keine Manipulation möglich) - Magnetschließung - Deutliche Kennzeichnung mit internationalen Piktogrammen, Frei/BesetztAnzeige - Vandalismushemmende, deckenintegrierte Innenbeleuchtung - Hochwertige Edelstahl-Sanitärobjekte der Qualität 1.4301 (V2A-Edelstahl)? Behindertengerechte Ausstattung gemäß DIN 18040 - 2 Notruftaster - 2 Umsetzhilfen mit Auslöser für WC-Spülung und Papierrollenhalter - Wandintegrierter, selbstschließender Abfallbehälter - Beidseitig anfahrbarer WC-Topf mit 95 cm Bewegungsfläche zur Wand - Bewegungsfläche vor WC-Topf und Handwaschsäule 150 cm x 150 cm - Zertifiziert nach DIN CERTCO - Sensortaste für alle Objekte (WC-Spülung, Seife, Wasser, Händetrockner)? Weitere wichtige Details Flachdach, wärmegedämmt mit innenliegender Dachentwässerung (kein Regenfallrohr) - Verschiedene Optionen (Dachformen, Fassadenoberfläche, Ausstattung) - Die Anlage ist jederzeit wieder versetzbar - Kunstharzbodenbeschichtung (fugenfrei!) - Klappbarer Edelstahl-Babywickeltisch - Zweite Schließung (z.B. für Busfahrer oder Taxifahrer) - Fußbodenheizung, um die Räume in Winter frostfrei zu halten (keine Radiatoren oder Heizkörper an der Wand - Vandalismusgefahr!) - Separater begehbarer Technikraum für Installationen."

Quelle: RP
 
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