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Wesel
Umweltskandal: Gutachter sieht Risiken

Wesel: Umweltskandal: Gutachter sieht Risiken
Die Deponie von Nottenkämper in Hünxe-Gartrop. 29.255 Tonnen giftige Ölpellets wurden hier illegal entsorgt. FOTO: Helmut Scheffler
Wesel. Im Wirtschaftskrimi um giftige Ölpellets in der Deponie Nottenkämper in Hünxe liegen neue Gutachten vor. Demnach gibt es die Gefahr einer Boden- und Wasserbelastung. Das Schicksal des Hauptangeklagten im Prozess bleibt ungeklärt. Von Sebastian Peters

Von den in der Deponie Nottenkämper zwischen Hünxe und Schermbeck lagernden giftigen Petrol-Koks-Pellets gehen offenbar größere Umweltgefahren aus als bisher bekannt. Das zeigt ein von der Staatsanwaltschaft Bochum in Auftrag gegebenes Umwelt-Gutachten, das unserer Redaktion vorliegt. Insbesondere die Belastung mit dem krebserregenden Stoff Vanadium, ein Schwermetall, ist so hoch, dass die Gutachter eine Warnung aussprechen. Die generelle Möglichkeit ökologisch nachhaltiger Bodenverunreinigung sei gegeben, sagt Gutachter Ulrich Borchardt aus Hennef. Bisher hatte der Kreis Wesel mitgeteilt, dass das giftige Material in der Deponie Mühlenberg verbleiben solle, weil das Abtragen der Deponie die gefährlichere Variante wäre. Der Kreis berief sich auf ein eigenes Gutachten. Aus dem vorliegenden Gutachten für die Staatsanwaltschaft geht nun hervor, dass Sickerwasser dauerhaft abgepumpt werden muss - andernfalls könnte es zu Verunreinigungen im Grundwasser kommen.

Seit Monaten sorgt der Umweltskandal in der Deponie Nottenkämper für Schlagzeilen. Inzwischen sind die Gerichte damit befasst: 29.255 Tonnen Ölpellets, ein giftiges und leicht brennbares Abfallprodukt der Schwerölvergasung, waren zwischen April 2010 und September 2013 illegal in der Deponie Mühlenberg in Hünxe-Gartrop entsorgt worden. Es soll von einer Ölraffinerie im Ruhrgebiet stammen, soll dann über das zwischenzeitlich insolvente Recyclingunternehmen RZB Gelsenkirchen auf die Deponie gelangt sein. Das Unternehmen Nottenkämper betont, dass man keine Kenntnis davon gehabt habe.

Vier Angeklagte mussten sich ab August 2017 vor dem Bochumer Landgericht verantworten. Sie sollen gegenüber Auftraggebern angegeben haben, die Ölpellets fachgerecht zu entsorgen. Tatsächlich aber sollen sie die Pellets, die wie Lakritzbonbons aussehen, der Firma Nottenkämper untergeschoben haben. Einer der Nebentäter ist inzwischen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Das Schicksal des Hauptangeklagten Ingo L. (55), ehemaliger Prokurist bei Nottenkämper, bleibt unterdessen ungeklärt. Er hinterließ einen Abschiedsbrief, kündigte seinen Suizid an, verschwand im August. Zuletzt wurde sein Handy in Rees am Niederrhein geortet. Eine Leiche sei bisher nicht gefunden worden, bestätigte die Polizei in Solingen, von wo L. stammt, gestern auf Anfrage. Zwischenzeitlich hatte die Polizei in Rees und Duisburg nach Hinweisen auf den Verbleib des 55-Jährigen gesucht.

Wie gefährlich sind die giftigen Stoffe, die in den Boden gelangt sind? Der Gutachter befasst sich intensiv mit dieser Frage. Anders als bisher vom Kreis Wesel mitgeteilt, kann aus dem Gutachten durchaus geschlossen werden, dass eine Gefahr für die Umwelt gegeben ist. Die eigentlichen Pellets liegen inzwischen unter dem Erdreich. In der Deponie werden "nicht gefährliche mineralische Stoffe" entsorgt, teilt Nottenkämper auf seiner Unternehmenswebsite mit.

Der Gutachter hat bei der Ruhr-Öl GmbH in Gelsenkirchen Pellet-Proben genommen. Anhand der Untersuchungsergebnisse handele es sich bei den untersuchten Petrol-Koks-Proben um einen gefährlichen Abfall, schreibt der Gutachter. Der Anteil an Kohlenwasserstoffen, Nickel, Vanadium und polyzyklischen Kohlenwasserstoffen sei hoch.

Zwar wird die Deponie durch eine Tonschicht geschützt. Wenn sich das Sickerwasser aber zu sehr staut, könnte Wasser aus der Tongrube austreten und Gewässer verunreinigen. Bisher wird das Sickerwasser abgepumpt. Der Gutachter warnt, dass bei Abstellen der Pumpen im Fall, dass die Deponie voll ist, die Gefahr einer Verunreinigung des Grundwassers gegeben ist. Direkt neben der Deponie liegt ein Wasserschutzgebiet, das das Trinkwasser im Versorgungsgebiet der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft schützen soll. 2023 soll die Genehmigung der Deponie auslaufen. Die gesamte Fläche soll bis dahin rekultiviert sein. Sogar eine Aussichtsplattform soll auf dem Mühlenberg errichtet werden.

Der Hauptangeklagte Ingo L. war seit September 2008 bei Nottenkämper tätig. Er war außerdem Geschäftsführer in zwei weiteren Unternehmen, der Varrol Umwelttechnik und der Waste Consulting, die ihren Sitz kurz vor Aufnahme der Tätigkeit von Ingo L. als Prokurist von Nottenkämper an die Vogesenstraße 30 in Oberhausen verlegten - genau dort hat Nottenkämper einen Betriebshof für Containerdienste. Seit 2014, als der Deponie-Skandal aufflog, ist Ingo L. nicht mehr als Geschäftsführer für seine eigenen Unternehmen und nicht mehr als Prokurist bei Nottenkämper tätig. Geschäftsführer bei Varrol ist nun Andreas Hanke. Der sagte gestern, dass es keine direkte Verbindung von Nottenkämper zu seinen Unternehmen gebe. In der Gründerzeit habe man nur die Adresse Nottenkämpers genutzt. Das Unternehmen Nottenkämper selbst beschreibt sich als Opfer des Kriminalfalls.

Quelle: RP
 
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