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Schermbeck
Vom Finden der Liebe

Schermbeck. Der Heimatverein Weselerwald und Umgebung lud zum zweiten Wohnzimmergespräch ein. Thema: Hochzeitsbrauchtümer der vergangenen Jahrzehnte. Man schwelgte in Erinnerungen. Von Helmut Scheffler

Das zweite Wohnzimmergespräch des Heimatvereins Weselerwald und Umgebung im Haus des Kassierers Karl Westerhuis hat sich unter Leitung der Vorsitzenden Maike Beckmann mit dem Hochzeitsbrauchtum in früheren Jahrzehnten befasst und sollte ein Einstieg für das Generalthema "Feste" sein. Etwa 20 ältere Vereinsmitglieder steuerten Erfahrungen bei.

In Zeiten ohne Internet und eigene Autos gab es in Weselerwald ganz andere Formen der Partnerschaftsanbahnung. Ernst Buchmann und Bertha Janzen beispielsweise verliebten sich schon in der Schulzeit. Einige lernten sich in der Berufschule für Landwirte kennen, die sich in den 1950er-Jahren in der ehemaligen Weselerwalder Volksschule befand. An den Wochenenden fand auf einem der vielen Bauernhöfe ein "Tanz op de Deel" statt, und wer dort nicht fündig wurde, fand den Schatz fürs Leben vielleicht bei einem der Schützenfeste im Umfeld der ehemals selbstständigen Gemeinde Weselerwald.

Bereits drei Wochen vor der Hochzeit fand in Weselerwald das "Dingen bringen" statt. Die Aussteuer der Braut wurde vom Nachbarn der Braut und deren Eltern zum Haus des Bräutigams gebracht. In der Nähe des Hauses des Bräutigams versuchten dessen Nachbarn, der Braut den mitgebrachten Schinken zu entreißen. Der "Schinkenkampf" konnte sich über Stunden hinziehen.

Bis zur Hochzeit blieb Zeit für die Braut, ihre Aussteuer einzuordnen. Dabei halfen ihre Mutter und einige Nachbarinnen. Bettwäsche, Handtücher und Tischwäschestücke wurden sorgfältig gefaltet und im Schlafzimmerschrank äußerst akkurat verstaut.

Zum Hochzeitsbrauchtum gehörte auch das Wirken der so genannten "Prüwingsknechte". Als Karl-Heinz Holtmann und Wilma Westerhuis 1960 heirateten, waren Karl Westerhuis und Walter Schüring als Prüwingsknechte mit von der Partie. Sie begleiteten das Brautpaar zum Brüner Standesbeamten Berger, anschließend zur kirchlichen Trauung in die Brüner Dorfkirche und mussten immer dann die Weiterfahrt mit Schnaps freikaufen, wenn irgendwo Menschen mit einem gespannten Seil den Weg versperrten. Als Türsteher empfingen die Prüwingsknechte die Hochzeitsgäste, wobei am ersten Tag nur mit den Verwandten gefeiert wurde und am zweiten Tag die Nachbarn empfangen wurden.

Bei den Hochzeitsfeiern gab es meist zwei Rituale. Nach dem Mittagessen fand der Rundgang durchs Haus statt. Bis zu 200 Gäste nahmen die Wohnung in Augenschein und inspizierten die Aussteuer der Braut. Nach dem Kaffeetrinken traf man sich draußen, um den Gastgebern Gelegenheit zu geben, den Tisch für das Abendessen zu decken. Gertruf Gasper (geb. Westerhuis) brachte zum Wohnzimmergespräch zahlreiche Fotos mit, unter anderem Bilder von der Hochzeit ihrer Cousine Hermine Schüring, die im Mai 1952 Anton Höll heiratete. Ein Foto zeigte die Gäste bei einer Polonäse im Freien.

Das Abtanzen des Schleiers um Mitternacht gehörte zum typischen Hochzeitsbrauchtum. Als Hermine Hopermann und Heinrich Moschüring im Jahr 1957 heirateten, lösten die vier Trauzeugen um Mitternacht den Schleier der Braut, während die Blaskapelle Lackhausen das Lied "So nimm denn meine Hände" spielte, das Brautpaar mit Schlafzeug bekleidet wurde und so den Ehrentanz begann.

Die Wohnzimmergespräche sollen in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt werden, um durch die Erinnerungen der Zeitzeugen ein Mosaik des Lebens der Vorfahren entstehen zu lassen, das in einer Festschrift vorgestellt werden soll.

Quelle: RP
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