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Hamminkeln
Von Mitgefühl in Zeiten des Krieges

Hamminkeln: Von Mitgefühl in Zeiten des Krieges
Andrea Kormann-Lowe mit Gisela und Jürgen Klump (vorne, v. l.) sowie Manfred Neulen, Jos Bex und Irmgard Busch (hinten, v. l.). FOTO: Martin Büttner
Hamminkeln. Luftlandung 1945 in Hamminkeln: Der US-Veteran John Kormann hörte auf einen Brief seiner Mutter und verschonte deutsche Zivilisten. Jetzt traf seine Tochter auf die Überlebenden - und eine Geschichte fand ihr Happy End. Von Thomas Hesse

Es gibt Geschichten, die müssen zu Ende erzählt werden. Und wenn es Jahrzehnte dauert. Gestern wurde eine solche Geschichte abgerundet. Sie spielt zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamminkeln, und zeigt, dass es Barmherzigkeit gab, auch wenn sich Feinde gegenüberstanden.

Der Lenkeithof am Thülenweg zwischen Schwarzenstein und Hamminkeln. Hier wollte Andrea Kormann eine Geschichte vollenden, deren Auflösung ihr Vater nicht mehr erleben konnte. Colonel John G. Kormann hatte als 20-Jähriger an der Luftlandeaktion der Alliierten am 23./24. März 1945 teilgenommen und 14 im Luftschutzkeller ausharrende Frauen und Kinder verschont. Nun kam die in London lebende Amerikanerin nach Hamminkeln und traf sich mit zwei Überlebenden, die sich nach einem Aufruf in der RP gemeldet hatten. Ein rührender Augenblick, als Irmgard Busch von der Gaststätte Busch und Manfred Neulen, früherer Nachbar des Lenkeithofs, ihre Erinnerung mit der Tochter des Colonels austauschten.

Jos Bex aus den Niederlanden, der Touren zu europäischen Kriegsstätten organisiert, hatte sie zusammengebracht und auch Jürgen Klump vom Thülenweg angesprochen. Der 77-Jährige hatte als Siebenjähriger die Landung der Lastensegler in Hamminkeln erlebt. Er weiß noch genau, wie es war, als die in Höfen einquartierten deutschen Soldaten eilig die Nachbarsfamilien zusammengerufen hatten, um sie bei drohenden Luftangriffen in die Bauernkeller zu holen. Im Lenkeithof war so einer. Jürgen Klump hat das Gelände später erworben und den Hof 1978 abgerissen. Jetzt soll ein Schild aufgestellt werden, das an das Ereignis zu Kriegsende erinnert.

Das benötigt Manfred Neulen nicht: "Ich saß als Achtjähriger in diesem Luftschutzkeller. Die Erinnerung hat sich eingebrannt." Auch Busch, die vom Holtkampshof Im Butenfeld in direkter Nachbarschaft kommt, wird das Geschehen nie vergessen. Wie ihr Vater die weiße Fahne hissen wollte und ein deutscher Soldat ihn mit dem Gewehr im Anschlag hinderte. Wie amerikanische Soldaten ("die waren locker und aufgeschlossen") beim Melken halfen. Oder wie 17 im Schutzkeller eingepferchte Menschen überlebten, weil ein Stabsarzt den Amerikanern entgegensprang und versicherte, nur Zivilisten seien dort.

In eine ähnliche Situation geriet John G. Kormann, Fallschirmjäger und Offizier der US 17th Airborne Division. Deutsche Scharfschützen verteidigten Hamminkeln, die amerikanischen Soldaten waren gewarnt. Als der Colonel auf den Schutzkeller des Lenkeitshof zuging, hörte er Stimmen vermeintlich deutscher Soldaten. Er beherrschte die Landessprache, weil seine Mutter eine ausgewanderte Bremerin war, und rief ihnen zu, mit erhobenen Händen herauszukommen. Er selbst hielt eine entsicherte Granate. Als sich nichts rührte, wollte er sie werfen. Doch Kormann hielt inne, hatte seine Mutter ihm doch kurz zuvor einen Brief geschrieben, "barmherzig zu sein, weil auch deutsche Mütter um ihre Jungen bangen". Sein Zögern rettete 14 Frauen und Kindern das Leben, die aus dem Keller herauskletterten.

Der Colonel, der später als "Herr Gouverneur" in Bayern den Aufbau demokratischer Strukturen leitete und noch später als internationaler Diplomat an der Seite der Präsidenten Nixon und Reagan tätig war, erzählte die Hamminkelner Geschichte immer wieder. Sie schaffte es sogar auf unter dem Titel "Be Mercyful-Farm" in die Washington Post.

Kormann gelang es nicht mehr, an den Ort des Geschehens zurückzukehren, er starb 2015. Seine Tochter erfüllte sein Vermächtnis. "Ich bin froh, dass es noch Menschen gibt, die davon erzählen", sagte Andrea Kormann gerührt. "Das hätte meinem Vater gefallen." Ein guter Satz, um eine Geschichte abzurunden.

Quelle: RP
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