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Niederrhein
Von Pilgern und verschifften Bräuten

Niederrhein: Von Pilgern und verschifften Bräuten
Blick in die sehenswerte Ausstellung, die mit insgesamt 100 Exponaten und zahlreichen publikumsnah geschriebenen Texttafeln das Reisen vor 500 Jahren anschaulich macht. Links das Porträt der Anna von Kleve, die als "verschiffte Braut" nach England kam. FOTO: Andreas Probst
Niederrhein. In Duisburg ist im Kultur- und Stadthistorischen Museum die Ausstellung "Dahin, wo der Pfeffer wächst" eröffnet worden. Man lernt dabei, wie anders das Reisen vor 500 Jahren im Vergleich zu heute aussah. Von Peter Klucken

Der Ritter Bernhard von Breydenbach (1440 bis 1497) war gewiss fromm, aber er war auch geschäftstüchtig. Als er sich 1483 aufmachte, um als Pilger von Oppenheim am Rhein über die Alpen nach Venedig und von da aus über Kreta und Zypern ins Heilige Land zu reisen, war er mit Proviant, Pferden, Waffen und vor allem Personal gut ausgestattet. Zum Tross des reichen Adligen gehörte auch der Buchgestalter Erhard Reuwich, dessen Reise von Breydenbach bezahlt wurde und der für ihn Skizzen und sogar Holzschnitte der heiligen Stätten anfertigte. Der Ritter hatte nämlich nicht nur sein Seelenheil bei der Pilgerreise im Sinn, sondern auch geschäftliche Interessen: Er wollte und konnte mit seinem gedruckten illustrierten Pilgerführer später Geld verdienen. Bernhard von Breydenbachs Geschichte ist eine von mehreren interessanten Biografien, die man in der Ausstellung "Dahin, wo der Pfeffer wächst! Reisende vor 500 Jahren" kennenlernen kann. Die Ausstellung im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg ist jetzt eröffnet worden.

Katharina Selent-Michel, wissenschaftliche Volontärin des Museums, hat die Ausstellung federführend gestaltet. Sie hat 100 historische Ausstellungsstücke zusammengetragen, davon 50 Leihgaben aus anderen Städten, die Einblicke in das Reisen zur Mercatorzeit geben. Ihre große konzeptionelle Leistung besteht darin, dass sie aus den zahlreichen historischen Dokumenten (Logbücher, Tagebücher, Briefe, Reiseberichte und Urkunden) in einer Art Rollenprosa autobiografisch anmutende Texte geschrieben hat, mit denen sich die Reisenden von annodazumal in Ich-Form selber vorstellen. Dabei hat sie für die Ausstellung höchst unterschiedlich motivierte Reisende ausgewählt: nicht nur mittelalterliche Pilger, sondern auch Diplomaten, Seefahrer, Freibeuter, Entdecker, Soldaten und Händler, wobei sie ein besonderes Augenmerk auf die jüdischen Händler legte, die es damals besonders schwer hatten.

Allen Reisenden gemeinsam war, dass sie in der damaligen Zeit niemals sicher sein konnten, ihr weit entferntes Ziel lebendig oder unbeschadet zu erreichen. Reisen auf dem Meer waren besonders gefährlich, aber auch über Land konnte man schnell Opfer von Räuberbanden oder kriegerischen Auseinandersetzungen von benachbarten Herrschern werden. Die Beschaffung von Nahrung war oft ein Problem. Und bei Reisen in andere Länder kam neben Misstrauen der dort Lebenden gegenüber Fremden oft das Verständigungsproblem hinzu.

FOTO: Andreas Probst

Gleichwohl wagten manche Händler auch aus geschäftlichem Kalkül weite Reisen, beispielsweise dorthin, wo man Pfeffer bekommen kann. Denn Gewürze wurden im Mittelalter hoch gehandelt, ähnlich wie Edelsteine. Und so waren viele damals Gewürz- und Edelsteinhändler in Personalunion. Viele mutige Männer haben damals Reiseberichte hinterlassen, die Katharina Selent-Michel für die Ausstellung ausgewertet hat. "Aber was ist eigentlich mit den Frauen?", fragt sie selber in ihrem Aufsatz in der Ausstellungsbroschüre "Zeitlupe" (zu bekommen für fünf Euro an der Museumskasse).

Ihre Antwort auf diese Frage: "Wie in allen Bereichen des sozialen, politischen und ökonomischen Lebens hatten Frauen in der Regel zu dieser Zeit kaum Freiräume zur Mitgestaltung und Selbstverwirklichung." Es habe in der Geschichte gewiss auch Frauen gegeben, die ihre Männer auf weiten Handelsreisenden begleiteten, doch blieben diese meist namenlos.

Eine Ausnahme, die ausführlich dargestellt wird, ist Anna von Kleve (1515 bis 1557), die aus politischen Gründen als Gattin des berüchtigten Heinrich VIII. auserkoren wird und als "verschiffte Braut" an den englischen Hof kommt, obwohl sie zunächst kein Wort Englisch sprechen kann. Wie man weiß, entgeht sie dem tödlichen Schicksal so manch anderer von Heinrichs verstoßenen Frauen. Ihre Reise wird kein Fiasko, wie auch bei den meisten anderen nicht, von denen in der Ausstellung die Rede ist.

Bis zum 5. November ist die Ausstellung in Duisburg zu sehen.

Quelle: RP
 
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