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Niederrhein
Warum Kuhmilch zur Ramschware wird

Niederrhein: Warum Kuhmilch zur Ramschware wird
Guter Hoffnung waren Milchbauer Michael Raadts (rechts) und Josef Peters, Kreislandwirt, noch im März. Damals fieberten sie auf das Ende der Milchquote und einen uneingeschränkten Markt hin. Nur 71 Tage später ist ihnen das Lachen vergangen - der Preis für Milch ist im Keller. FOTO: Evers
Niederrhein. Seit zehn Wochen ist die EU-Mengenregulierung der Milchproduktion passé. Doch statt unbegrenzt zu produzieren, machen Preisdruck, Wetterkapriolen und der unübersichtliche Weltmarkt Bauern einen Strich durch die Rechnung. Von Kilian Treß und Fritz Schubert

Es ist wie verhext: Erst jubeln die Milchbauern, dass die EU-Milchquote endlich abgeschafft wird. Nun, zwei Monate später, herrscht Ernüchterung in den Kreisen Wesel und Kleve. Statt ungehemmt Milch zu produzieren und teuer zu verkaufen, sind die Bauern froh, wenn ihre Milch überhaupt zu einem adäquaten Preis Abnehmer findet. Sich weitere Kühe in den Stall zu stellen - das kommt zumindest derzeit nicht in Frage. "Ich habe wegen der schlechten Ernte nicht mal genügend Fressen, um meine 200 Kühe zu füttern. Ich muss teuer zukaufen", sagt zum Beispiel der Klever Milchbauer Michael Raadts.

1984 erließ die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) die sogenannte Milchquote. Bauern durften, um ein Überangebot auszuschließen und damit einen stabilen Marktpreis zu garantieren, nur eine bestimmte Menge Milch produzieren. Wer zu viel abwarf, musste Strafen in Form von zusätzlichen Quoten bezahlen. Das Geld könnten Bauern seit April, als die EU-Regelung entfiel, sparen.

Besonders der Niederrhein war von der Regelung benachteiligt, gilt er doch wegen des milden Klimas als einer der besten Standorte für Milchproduktion in Deutschland. Trotzdem ergeht es den hiesigen Milchbauern im Moment deutlich schlechter als in den vergangenen Jahren. Wie Johannes Leutenberg aus Neukirchen-Vluyn, Milchbauer und stellvertretender Vorsitzender der Kreisbauernschaft Wesel, schildert, ist der Marktpreis für ein Kilogramm Milch von etwa 40 Cent am Anfang des Jahres auf jetzt etwa 28 Cent um fast ein Drittel abgestürzt; die Einnahmen sind damit drastisch gesunken. Und das obwohl in Deutschland und auch am Niederrhein nicht auffallend mehr produziert wird als im Jahr zuvor, wie der Sprecher der NRW-Landwirtschaftskammer Bernhard Rüb versichert: "Das Ende der Milchquote hat nichts mit dem Preisverfall zu tun." Aber auf dem Weltmarkt herrscht ein Überangebot. Neuseeland gilt als Großexporteur, der den Preis in die Tiefe treibt. "Die EU kann längst nicht mehr die Preise bestimmen", sagt Rüb. Auch das Lebensmittelembargo für Russland hatte katastrophale Folgen. Milch aus EU-Staaten wie Frankreich und der Niederlande, die in Russland Absatz gefunden hätte, wurden Ende des vergangenen Jahres für einen Spotpreis von 22 Cent auch in Deutschland angeboten. "Und der Marktpreis wird sicherlich noch weiter sinken", sorgt sich Michael Raadts. Wie das Landwirtschaftliche-Fachmagazin "Wochenblatt" meldete, sei der Preis im Mai zum Vormonat April um 2,7 Cent pro Kilogramm (etwa zehn Prozent) gefallen. Und ein Ende der Abwärtsspirale sei nicht einzusehen. Was Raadts pro Kilogramm Milch derzeit verdient, sei Betriebsgeheimnis. Doch deutlich mehr als die drei Cent, die derzeit Milchbauern im Bundesdurchschnitt pro Kilogramm verdienen, kann es nicht sein.

Er sei gravierende Preisverschiebungen ja gewohnt. Aber gerade komme alles auf einmal. Zum einen erschweren ungünstige Wetterbedingungen das Geschäft. Das Frühjahr war trocken. "Die zweite Mahd war sehr bescheiden", sagt Johannes Leuchtenberg. Das sorgte dafür, dass Weide- und Ackerflächen wesentlich weniger Ertrag abwarfen. "Ich habe etwa ein Drittel weniger Gras, das ich verfüttern kann", sagt Raadts. Futter, das er zukauft, ist wiederum aufgrund des geringen Ertrags deutlich teurer als im Vorjahr. Hinzu kommen steigende Transportkosten sowie der Preiskampf, den die Discounter betreiben. Schon für 55 Cent ist ein Liter Milch derzeit im Kühlregal zu finden. Ein Graus für jeden Erzeuger. "Aldi hat die Preise gedrückt, und alle anderen ziehen nach. Neue Verhandlungen gibt es wohl erst im Herbst", sagt Leuchtenberg.

Ein weiteres Problem ist die Abhängigkeit von der Molkerei. "Man muss sich vertraglich für zwei Jahre an eine Molkerei binden", sagt Kammersprecher Rüb. "Das ist wie bei einem Handy-Vertrag, man kann nicht zum besseren Anbieter wechseln." Auf Preisschwankungen können Milchbauern somit nicht reagieren, müssen ihre Milch für den Preis abgeben, der ihnen diktiert wird. Und den geben die großen Molkereien vor. Kleine gehen auf dem Markt unter. Raadts verkauft an die Groß-Molkerei Arla in Dänemark. Diese kaufte vor wenigen Jahren die deutsche Molkerei Muh, bei der Raadts zuvor unter Vertrag stand. Davor lieferte er an Dr. Oetker und Onken in Moers. Letztere ist ins Ausland verkauft. Kontinuität Fehlanzeige. Und das Ende der Milchquote hat nicht zur Besserung beisteuern können.

"Ich spreche für alle Bauern der Region, wenn ich sage, wir wollen die Quote nicht wieder zurückhaben", sagt Raadts. "Irgendwann wird der Preis steigen und sich der Markt beruhigen." Doch Marktexperte Erhard Richarts vom Informations- und Forschungszentrum der Ernährungswirtschaft nimmt die Hoffnung: "Das kehrt sich nicht so schnell um." Der Preisverfall werde sich verfestigen.

Quelle: RP
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